Ich bin der Meinung, dass..

… dass sich langsam doch etwas ändert. Die Leute scheinen zur Vernunft zu kommen. Gestern hatte man zum ersten Mal den Eindruck, dass deutlich weniger Menschen unterwegs waren. Die Straßen und Plätze in Plauen waren leer. Man konnte nur noch ein paar Leute zum Einkaufen huschen sehen. Die Straßenbahnen, noch vor ein paar Tagen gut gefüllt, waren gestern mit nur wenigen Fahrgästen unterwegs. Schon Donnerstag patrouillierte die Polizei und löste Menschengruppen auf. Es war still gestern in der Stadt. Endlich spielt sich das Leben Zuhause in den eigenen vier Wänden ab. Ob es wirklich nur am schlechteren Wetter lag? Oder ob die Bundeskanzlerin mit ihren eindringlichen Appellen die Menschen zur Vernunft gebracht hat? Wir wissen es nicht. Vermutlich sind es die Bilder aus Italien, die Abend für Abend über den Bildschirm flimmern, die eine starke Wirkung erzielen. Die Nachrichten aus den Kliniken in Italien sind grauenhaft. Das Gesundheitssystem dort ist längst kollabiert. Zu viele Patienten, zu wenige Beatmungsgeräte. In Italien entscheiden Ärzte bei Corona-Patienten, wer weiter behandelt wird und wer stirbt. Das ist wirklich schrecklich. Es fehlt dort an allem, vor allem an Ärzten und Pflegern. Viele Mitarbeiter in den Klinken sind selbst infiziert, weil Schutzkleidung fehlt. Am meisten erschüttert haben mich die Bilder von dem Konvoi mit 30 Militärfahrzeugen, der sich seinen Weg durch das Zentrum der norditalienischen Stadt Bergamo bahnte. An Bord der Lkw des italienischen Heeres waren 70 Leichen. Eine gespenstige Szenerie. Der Transport war notwendig geworden, weil der städtische Friedhof die am Virus gestorbenen Personen nicht mehr bewältigen kann. Die Leichen wurden zu Friedhöfen in Nachbarorten gefahren, wo es noch freie Kapazitäten für Einäscherungen gibt.
Soweit darf es bei uns nicht kommen! Wir müssen uns an die Einschränkungen und Regeln halten. Tun wir es, können wir das Schlimmste vielleicht auch ohne Ausgangssperren noch verhindern, tun wir es nicht, werden wir in einigen Monaten vielleicht mehrere Millionen Infizierte haben. Das sagen übereinstimmend die Virologen und Epidemiologen, die wir mittlerweile aus dem Fernsehen alle kennen. Keiner möchte Bilder wie aus Italien auch aus Deutschland sehen. Unser Gesundheitssystem ist sehr robust. Aber auch bei uns sind die Kapazitäten begrenzt. Wir müssen es schaffen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Dann kann es auch gelingen, die Steigerungskurve der Fallzahlen abzuflachen. Nur so können wir viele Menschenleben retten. "Nutzt die Zeit, die ihr noch habt", mahnt der Bürgermeister des vom Virus besonders hart gebeutelten Bergamo, Giorgio Gori, Deutschland. Ob diese Warnung nicht zu spät kommt, wird sich in einigen Wochen zeigen. Fakt ist jedenfalls, dass in Deutschland noch Coronapartys abgehalten werden, während in Italien die Ärzte abwägen müssen, wer überleben darf. Wilfried Hub