Ich bin der Meinung, dass..

… auch zwei Tage nach der Wahl und einen Tag nach dem angekündigten Rücktritt des neuen Thüringer Ministerpräsidenten die Politik in ganz Deutschland noch Kopf steht und die Politiker komplett orientierungslos agieren. Kurz nach Kemmerichs Ankündigung, sein Amt zur Verfügung zu stellen und Neuwahlen zu beantragen, gab's in Erfurt schon wieder neue Pläne. Kein Rücktritt, keine Neuwahlen, sondern Vertrauensfrage und eine neue Wahl des Ministerpräsidenten im Landtag. Neuwahlen waren zunächst von den meisten Politikern als Befreiungsschlag gelobt worden. Übrigens auch von denen, die plötzlich neue Wegen gehen wollen. Es ist die nackte Angst vor dem Wähler, die CDU und FDP vor Neuwahlen zurückschrecken lassen. Die angeschlagene CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die am Donnerstag tagsüber noch lautstark Neuwahlen forderte, war am Abend in einem fünfstündigen Gespräch mit dem Thüringer CDU-Chef Mike Mohring nicht in der Lage, ihn auf Linie zu bringen. Er befürchtet bei Neuwahlen erhebliche Stimmenverluste. Seine Vorsitzende ließ er eiskalt abtropfen. Kramp-Karrenbauer wird sich beim Scherbengericht mit der SPD, pardon beim Koalitionssauschuss am Samstag im Kanzleramt sehr unangenehme Fragen gefallen lassen müssen.
CDU und FDP sind auf die billigen Taschenspielertricks der AfD hereingefallen. Einem relativ unerfahrenen Politiker wie Thomas Kemmerich kann man das vielleicht noch verzeihen. Aber einem Polit-Profi wie dem FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner, der am Donnerstag zur Klärung eigens nach Erfurt reiste, darf ein solcher Fehler nicht passieren. Er hat schon vor der Wahl alles gewusst: Von der Kandidatur Kemmerichs und von der "Gefahr", dass er gewählt werden könnte. Entweder er hat den Thüringer FDP-Mann nur falsch beraten oder die Aussicht, in einem Bundesland den Regierungschef zu stellen, gefiel ihm trotz AfD-Stimmen irgendwie. Hatten die Liberalen wirklich geglaubt, mit fünf Prozent Wählerzustimmung den Neuanfang in Thüringen organisieren zu können. Den Brief von Rechtsaußen Björn Höcke an Kemmerich, in dem ihm die AfD eine Zusammenarbeit angeboten hatte, muss Lindner doch gekannt haben. Was sollen wir davon halten, dass der FDP-Chef diese Annäherungsversuche nicht sofort öffentlich machte und kappte? Gibt es da doch eine gewisse Nähe, von der wir bislang nichts wussten? Das Foto, auf dem sich Kemmerich vor Höcke verneigt, das durch alle Medien ging, wird der Partei lange anhängen. Wirklich wütend macht mich das Statement unseres Oberbürgermeisters Ralf Oberdorfer (FDP). Er hält eine Zusammenarbeit mit der AfD für möglich und sagt wörtlich: "Grundsätzlich müssen die, die gewählt sind, einerseits miteinander konkurrieren können, andererseits auch in der Lage sein, zusammenzuarbeiten." Damit stellt er sich gegen die Position seiner Partei. Wann kommt Christian Lindner nach Plauen? Wilfried Hub