Ich bin der Meinung, dass...

… der Eklat um die Verleihung des St.-Georgs-Ordens an Ägyptens Präsidenten Abdelfattah al-Sisi mehr als nur eine Dresdner Provinzposse ist. Die Organisatoren des Semperopernballs verleihen diesen Orden jährlich an Prominente. Opernball-Chef Hans-Joachim Frey war am Sonntag eigens nach Kairo gereist, um dem umstrittenen Staatschef Orden und Urkunde zu überreichen. Während Frey nach den ersten Protesten die Entscheidung noch rechtfertigte ("Al-Sisi sorgt in Ägypten für Stabilität, den Aufbau der Gesellschaft, für Kultur und Bildung"), hat er sich mittlerweile entschuldigt. Die Verleihung sei "ein Fehler" gewesen, sagte Frey am Dienstag. Das stimmt. Ein großer sogar. Die Organisatoren scheinen wirklich von allen guten Geistern verlassen. Al-Sisi ist ein Diktator, der wirklich der letzte ist, der eine solche Ehrung aus Sachsen verdient hat. Der frühere Armeechef war 2013 nach einem Militärputsch an die Macht gekommen und 2014 als Präsident vereidigt worden. Seitdem geht er mit harter Hand gegen Oppositionelle und Kritiker vor, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt. Die Preisverleihung an ihn ist ein Affront gegen alle friedlichen Regimekritiker. Viele Prominente kündigten an, dem Ball möglicherweise fern zu bleiben. Darunter der Oberbürgermeister der sächsischen Landeshauptstadt, Dirk Hilbert. Auch die Moderatoren, Schlagersänger Roland Kaiser und Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers, wollten über Konsequenzen nachdenken. Das war allerdings vor Freys Entschuldigung. Auch die beiden Medienpartner, MDR und Sächsische Zeitung, distanzierten sich.
Ich wundere mich über die dilettantische Organisation dieser kulturellen Großveranstaltung. Allein die Tatsache, dass die Semperoper selbst bei den künstlerischen und programmatischen Planungen des Balls nicht einbezogen ist, belegt eine grundsätzliche Fehleinschätzung. Man missbillige die Entscheidung der Opernball-Organisatoren ausdrücklich, teilte Semperopern-Intendant Peter Theiler mit. Die umstrittene Entscheidung führe zu einer massiven Irritation innerhalb der Semperoper, die als "führende Kulturinstitution stets Stellung für Freiheit, Toleranz und Menschenrechte bezieht". Da dies nicht Freys erste zweifelhafte Entscheidung ist, muss man sich ernsthaft fragen, ob hier die richtigen Leute am Werk sind. Intendant Theiler kündigte an, dass es nach dem Event unter Einbeziehung politischer Entscheidungsträger des Freistaates Gespräche geben müsse. Der Opernball war immer wieder in den Schlagzeilen. So ging der Orden unter anderem an Russlands Staatschef Wladimir Putin und den saudischen Prinz Salman bin Abdulaziz. Für Irritationen und ein juristisches Nachspiel sorgte auch der Kurzauftritt des Models Naomi Campbell. Das Mannequin war 2015 kurz zum Ball eingeschwebt, wollte dafür mehr als 55.000 Euro Gage haben. Weil eine außergerichtliche Einigung scheiterte, ging Campbell am Ende aber leer aus. Wilfried Hub