Ich bin der Meinung, dass...

… sich die Grünen in den 40 Jahren ihres Bestehens zur einzigen ernst zu nehmenden Volkspartei neben der CDU entwickelt haben. Sie sind heute in neun Bundesländern an der Regierung beteiligt, in Baden-Württemberg stellen sie mit Winfried Kretschmann sogar den Ministerpräsidenten. Vor kurzem ging die Öko-Partei in Sachsen eine Koalition mit der CDU ein. Es ist aber nicht die erste. Bereits zwischen 2008 und 2010 gab es eine schwarz-grüne Landesregierung in Hamburg. Die Partei feiert am Wochenende an ihrem Gründungsort Karlsruhe Geburtstag. Zeitgleich wird ein zweites Jubiläum begangen, nämlich 30 Jahre Bündnis 90. Der Zusammenschluss von Oppositionsgruppen der Wendezeit in der DDR ging später in eine gesamtdeutsche Partei auf und heißt Bündnis 90/Die Grünen.
Regierungsbeteiligung ist genau das, was die Grünen anfangs absolut nicht wollten. Die neue Partei wollte sich an der Macht nicht die Hände schmutzig machen. Kaum zu glauben, dass die Grünen heute ernsthaft über einen Kanzlerkandidaten nachdenken und gerne Kurs aufs Kanzleramt nehmen möchten. Der ganz große Erfolg kam erst in den letzten Jahren. Vor allem die aktuelle Diskussion um den Klimawandel bescherte den Bündnisgrünen traumhafte Wahlergebnisse. Allerdings nur in Westdeutschland. Der Osten scheint immun gegen die grüne Idee. Die jüngsten Landtagswahlen im Osten zeigten, dass die Grünen dort (noch) nicht zur Volkspartei gereift sind. Alle Versuche, sich dem Osten anzunähern sind gescheitert.
So einig wie heute waren die Grünen lange nicht. Jahrzehntelang prägten verbitterte Flügelkämpfe die Partei. Zerrissenheit und Wandel lassen sich am besten an der Person des früheren Außenministers Joschka Fischer ablesen. Mal war er Guru und grüne Galionsfigur, mal die bestgehasste Person in seiner Partei. Als er auf einem Sonderparteitag 1999 die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg durchsetzte, wurde er Opfer einer Farbbeutel-Attacke. Heute tragen die Grünen Militäreinsätze mit, wenn es ein UN-Mandat gibt.
Ernst genommen wurden die Grünen in den Anfangsjahren nicht. Von den meisten wurden sie als linke Spinner abgetan. Nach dem Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 gab es in der CDU sogar Überlegungen, die Partei zu verbieten oder sie als potentieller Gegner der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zumindest vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Ich kann mich an die Gründung vor 40 Jahren noch gut erinnern. Ich war damals junger Journalist, arbeitete für eine Regionalzeitung im Westen. Die Kollegen konnten mit den Leuten von der Öko-Partei, die sich schon rein äußerlich vom Establishment deutlich unterschieden, nichts anfangen. Jedenfalls fanden die Grünen in unserer Zeitung nicht statt. Eine vorübergehende Erscheinung, mit der man sich nicht beschäftigen müsse, hieß es. Das änderte sich erst ab 1985 als Fischer Minister in Hessen wurde. Wilfried Hub