Ich bin der Meinung, dass...

… die Bundesregierung nach vielen Jahren kontroverser Diskussionen endlich die Realität akzeptiert: Deutschland ist Einwanderungsland. Wirtschaft und Staat wollen künftig mehr ausländische Fachkräfte ins Land locken: So sollen Visaverfahren beschleunigt und Möglichkeiten zum Spracherwerb verbessert werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Montagabend bei der Unterzeichnung einer entsprechenden Absichtserklärung von einem "Paradigmenwechsel". Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz tritt am 1. März 2020 in Kraft und soll qualifizierten Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Staaten den Weg nach Deutschland erleichtern. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sieht im Fachkräftemangel einen Hauptgrund für den konjunkturellen Abschwung: "Deutschland könnte deutlich mehr Wachstum haben, gäbe es mehr Fachkräfte."
So wichtig das neue Gesetz auch ist, die Unterzeichner verkennen ein wenig die Situation unseres Landes. Die Zeiten haben sich geändert. Deutschland ist längst nicht mehr das Land, von dem die Fachkräfte im Ausland träumen. Deutschland ist in puncto Attraktivität nur Mittelmaß, wie eine aktuelle Studie zeigt. Die Bundesrepublik belegt in einem Ranking der OECD nur Rang zwölf von mehr als 30 Industriestaaten. Es gibt weltweit einen großen Wettbewerb um Fachleute - da muss Deutschland sich anstrengen. Die Arbeitsbedingungen und das Umfeld bei uns müssen attraktiver werden. Im Moment gelten andere Länder, darunter Kanada, die Schweiz, Neuseeland, Schweden und Norwegen als viel interessanter.
Unser Image ist schlecht. Solange wir die Probleme mit rechtsextremer Gewalt nicht in den Griff bekommen, wird sich das wohl auch nicht ändern. Deutschland eilt der Ruf voraus, ausländerfeindlich zu sein. Warum sollten Fachleute zu uns kommen, wenn sie woanders mehr verdienen können und gerne gesehen sind. Die Bundeskanzlerin brachte es auf den Punkt: "Auf jeden Fall ist das wirklich Wichtige, dass wir in den Drittländern als ein weltoffenes Land rüberkommen." Wenn Fachkräfte so wichtig sind für Deutschland, muss man sich aber auch fragen, warum Flüchtlinge, die bei uns einen festen Arbeitsplatz haben, Deutsch sprechen und bestens integriert sind, regelmäßig gegen ihren Willen in ihre Heimatländer und in ein unsichere Zukunft abgeschoben werden. Auch das muss sich ändern.
Ich verabschiede mich ab morgen in die Weihnachtspause. Ich wünsche Ihnen schöne und entspannte Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wilfried Hub
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