Ich bin der Meinung, dass...

… wir dem deutschen Fernsehen danken sollten für die neuerdings zahlreichen Übertragungen aus dem britischen Unterhaus. So dürfen wir live miterleben wie echter Parlamentarismus geht. Obwohl alles nach strengen Regeln abläuft, sind die Sitzungen lebhaft und sehr unterhaltend. Der verbale Schlagabtausch zwischen den Abgeordneten der Regierungspartei und denen der Opposition direkt gegenüber, ist oft köstlich. Dort lebt die emotionale Debattenkultur. Im Bundestag gibt es die schon lange nicht mehr. Die Abgeordneten sitzen gelangweilt auf ihren Sitzen, spielen permanent an ihren Handys herum oder lesen irgendwelche Akten. Es reicht allenfalls zu gegenseitigen persönlichen Beleidigungen, die mit dem Einzug der AfD ins Parlament deutlich zugenommen haben. Das ist aber nicht sehr unterhaltend, sondern eher abstoßend. Brillante Reden hört man kaum noch. Gerne erinnert man sich an die legendären Dialoge zwischen Herbert Wehner (SPD) und Franz Josef Strauß (CSU) in den 70er und 80er Jahren.
Das britische Parlament ist geprägt durch seinen etwas skurrilen Präsidenten John Bercow. Mr. Speaker lässt nie einen Zweifel daran, wer der Herr im (Unter)-Haus ist. "Ordeeeer", "Ordeeeer!" - schallt es bei jeder Sitzung mehrfach durch den Saal. Er behandelt alle mit großem Respekt, schreckt aber nicht davor zurück, auch höchst verdiente Abgeordnete lautstark und oft mit Ironie in die Schranken zu verweisen. Über Kreuz ist Bercow derzeit mit Premierminister Boris Johnson. Obwohl sein Parteifreund Johnson das Parlament am Montag unbedingt ein zweites Mal über den neuen Brexit-Deal abstimmen lassen wollte, ließ Bercow den Beschluss einfach nicht zu. Er berief sich auf ein Jahrhunderte altes Gesetz wonach zwei Mal hintereinander nicht über denselben Antrag abstimmt werden darf. "Die Umstände haben sich nicht geändert", begründete Bercow mit großem Vergnügen seine Ablehnung. Johnson nahm es wütend und mit hochrotem Kopf zur Kenntnis. Zu schade, dass der lustige Mr. Speaker zum 31. Oktober nach zehn Jahren sein Amt aufgibt. Wilfried Hub