Ich bin dann mal auf dem Mars

"Es fühlt sich an, als wenn ich schon lange weg bin aus der Welt", sagt die Plauenerin Anika Mehlis. Gerade ist sie in der Wüste Negev angekommen und bereitet sich auf ihre Mars-Simulation in einem von der Außenwelt isolierten Habitat vor. Am 11. Oktober schließen sich für Astro-Anika und ihre Crew die Luken drei Wochen lang.

Von Cornelia Henze

Plauen/Innsbruck Zwei Jahre Training liegen hinter Anika Mehlis. Die Plauenerin hat Krafttraining gemacht und Ausdauerläufe absolviert, hat sich psychologischen Tests und Überlebenstrainings unterzogen, Auswahlverfahren durchlaufen, und mit ihren fünf weiteren Habitat-Bewohnern die vor ihnen liegende Zeit zig Mal probeartig durchgegangen. Astro-Anika, wie sich die Plauener Biologin und Ingenieurin in den sozialen Netzwerken nennt, ist quasi am Ziel angelangt. Am 11. Oktober wird sie mit einem Österreicher, einem Portugiesen, Niederländer, Spanier und einem Israeli das Habitat betreten, das das Österreichische Weltraumforum (ÖWF) zusammen mit der israelische Raumfahrtagentur ISA und der Desert Mars Analog Ramon Station (D-Mars) in der israelischen Negev-Wüste gerade aufbaut und die Crew für drei Wochen von der Erde abschirmen wird. In den Modulen testen die Analogastronomen Technologien und Arbeitsabläufe für künftige Mars-Missionen. 20 Experimente bekam die Crew von Wissenschaftlern und Universitäten an die Hand, um sie unter erschwerten Bedingungen, auf engstem Raum und unter hoher Belastung auf Funktionalität und mögliche Schwachstellen zu erproben. 200 Wissenschaftler aus 25 Ländern warten gespannt auf die im Modul erbrachten Ergebnisse, um sie später auswerten und sie in der Fachwelt publizieren zu können.
Als Simulationsort wurde die Negev-Wüste ausgewählt, weil sie in ihrer Struktur der des Planeten Mars nahe kommt. Das mehrkammerige Modul, was Aufenthalts-, Essens- und Schlafräume über einen Gang mit Labor, Kommandozentrale und Krankenstation verbindet, befindet sich direkt im Ramon-Krater.
Abgesehen davon, dass die Analogastronauten essen und schlafen müssen, sei der Tag vollgepackt mit Arbeitsaufträgen und dem Testen von Experimenten, sagt Anika Mehlis voller Vorfreude. So werden Gesteine untersucht und die Luftschleuse getestet. Eine Aufgabe wird sein, unter einem Anleitungsvideo gegenseitig Ultraschalluntersuchungen des Bauchraumes vorzunehmen - ein medizinischer Forschungsauftrag, der aufzeigen soll, ob ein nichtmedizinisches Team unter Druck in der Lage ist, eine solche Untersuchung durchzuführen. Auch die Psyche und das Verhalten der sechsköpfigen Crew kommt auf den Prüfstand: Die Stimmung untereinander, Gespräche und Bewegungsmuster werden aufgezeichnet.
Dass es zu zwischenmenschlichen Konflikten untereinander kommen könnte, hofft und glaubt Anika Mehlis nicht. Man kenne sich schon lange durch das Training: Dort wurde Teamwork auch unter Stresssituationen erprobt. Die Mitbewohner, das sind Wissenschaftler, Ingenieure oder Physiker - seien alles Leute, die kooperativ und lösungsorientiert arbeiteten. Mit ihnen, den an Wissenschaft und Technik interessierten Gleichgesinnten Lösungen zu entwickeln, mache den hohen Reiz aus, bei der Mars-Simulation dabei sein zu dürfen. Neben dem menschlichen Austausch, wird Anika Mehlis mit Technik zu tun haben, die Außenstehenden unzugänglich bleiben. Das sind eine autonom ohne GPS-System fliegende Drohne, ein kugelförmiger Rover, der in der Lage ist, lange Strecken zurückzulegen und "draußen" in der staubreichen und gefährlichen Mars-Atmosphäre Daten sammelt, sowie ein haptisch zu steuernder Roboter. Auch 3D-Drucker kommen zum Einsatz und es werden Technologien getestet, die das Mehrfachtragen von Raumfahrtunterwäsche ermöglichen. Ausprobiert wird eine Schutzweste, die Knochenmark und andere stammzellreiche Organe vor schädlicher Strahlung abschirmt.
Ebenso wird der Raumanzugssimulator zum Einsatz kommen, wenn die Analogastronauten auf Außeneinsatz gehen. Von Anfang an sei das An- und Ausziehen und Beherrschen des mit viel Technik ausgestatteten Anzugs Bestandteil des Trainings gewesen, erinnert sich Anika Mehlis. Denn der Anzug, der für den Einsatz auf dem Mars entwickelt wurde, hat es in sich. Der Träger braucht zwei und mehr Stunden zum Abnkleiden, und auch das Bewegen in der Hülle will gelernt sein, wiegtsie doch 50 Kilo. Zu diesem Zweck machte auch das den Astronauten abverlangte Krafttraining absolut Sinn.
Immer und immer wieder haben die sechs Missionsteilnehmer alle Abläufe durchgeprobt - im Ernstfall, wenn zum Beispiel ein Lämpchen am Raumanzug nicht wie erwartet aufleuchtet - kann das Support-Team auf der Erde weiterhelfen. Das gibt es auch während der Mars-Simulation wirklich: Es sitzt in Innsbruck bei ÖWF und nimmt Kontakte von der Mars-Crew entgegen. Allerdings kämen die beim Empfänger nicht in Echtzeit, sondern pro Richtung mit zehnminütiger Verzögerung an. 20 Minuten kann es also dauern, bis auf eine Anfrage eine Anwort erfolgt. In der Realität könnte das zu spät sein, um eine richtige Entscheidung in lebensbedrohlicher Situation treffen zu können.
Bis zum 31. Oktober ist Anika Mehlis von der Erde abgetaucht. Während der Isolation sind private Kontakte nach draußen - Anika Mehlis ist verheiratet und hat drei Kinder - nur abends vorgesehen. Gerade jetzt, vier Tage vor Expeditionsbeginn, bereitet sich Anika Mehlis auf das Leben zu sechst vor: Zusammen mit den Missionshelfern wird das Equipment gepackt, die Crew testet, wie das vegane Kochen, auf das man sich geeinigt hat, funktionieren wird. Journalisten und TV-Teams sammeln letzte O-Töne der Analogastronauten ein. Wenn Anika Mehlis wieder zu Hause in Plauen ist, wird sie den jüngsten Wissenschaftlern in der Kinderuni Oelsnitz von ihrer Mars-Simulation berichten - und auch den Studenten der BA Plauen.