Hundemenschen sind eigene Spezies

Plauen - Er ist der Retter aller entnervten Hundebesitzer, der Vermittler zwischen beiden Enden der Leine, der Mann, dem Bello und Herrchen vertrauen. Am Mittwoch gab Martin Rütter in der ausverkauften Plauener Festhalle Tipps zum gegenseitigen Verstehen.

 

250 000 Menschen haben seine Vorstellungen bisher besucht, wie viele sich seine Ratschläge jeden Samstag im Fernsehen zu Herzen nehmen oder gemeinsam mit ihrem Vierbeiner auf der Couch liegend, seine Bücher gelesen haben, lässt sich nur schätzen. Mittlerweile dürfte es in Deutschland nur noch artgerecht gehaltene und erzogene Hunde geben.

Warum das nicht so ist, beantwortet Rütter selbst. "Hier sitzen 1200 Leute die sich fest vornehmen ihrem Hund das Bellen beim Klingeln an der Haustür abzugewöhnen. Aber niemand, niemand wird es tun, weil die Menschen nicht konsequent sind", sagt er am Mittwochabend voraus, wie sich der Alltag am nächsten Morgen in allen Hundehaushalten gestalten wird. Denn nach wenigen Trainingseinheiten werde man feststellen, dass die Macken des heiß geliebten Hundes ja so schlimm nun auch wieder nicht seien.

"Chantal, Fuß!"

Vor einer überdimensionalen Hundehütte, die das Konterfei seines eigenen Retrievers Mina ziert und einem Pappmaché-Knochen samt Körbchen schafft Rütter zunächst "Hundeplatzatmosphäre" - der da oben und die da unten beschnuppern sich sozusagen. Erstes Thema: Die Vermenschlichung des Hundes. Nicht mehr lange werde es dauern, bis es im Park heißt "Chantal, Fuß!" Und wenn dem Hund mitgeteilt werde "Guck mal, da kommt der Papa", dann ist das nicht nur biologisch unmöglich, sondern auch strafbar, erklärt die Supernanny für Leinenträger. Längst hat Rütter erkannt, dass Personen mit Hund eine längere Entwicklung hinter sich haben als gewöhnliche Zweibeiner. Sie sind zu Hundemenschen mutiert. Sie besitzen ein Verwandtschaftsverhältnis mit ihrem Tier.

Und wenn zwei Hundemenschen eine Beziehung eingehen kann es passieren, dass sich die beiden Rottis von ihm ganz schnell dem Yorkshire von ihr unterwerfen. Ja was für Weicheier sind das denn? Nix Weicheier. Der Kleine hat einfach die größte soziale Kompetenz, weiß, wo sich wann das beste Futter abstauben lässt und die kuschligsten Decken liegen. Und wenn die Rottis davon profitieren ist ihnen im Wortsinne wurscht, wer den Chef spielt. Der Hundemensch ist für jeden erkennbar. Er stellt sich einem anderen Spezies seiner Art mit dem Namen seines Hundes vor, hat immer Leckerlis dabei und findet ein Haar auf der Pizza völlig in Ordnung, so lange es von seinem Hund stammt. Ist der Pizza-Bäcker der Verursacher, ist das wesentlich schlimmer, obwohl der sich wahrscheinlich nicht in Scheiße gewälzt hat.

Liebe auf den ersten Blick

Natürlich widmet sich Rütter auch den Anfängen der Hundemensch-Werdung. Die Kinder wählen den Welpen, der mit ihnen spielen will, die Mutter jenen, der auf ihren Schoß krabbelt und der Vater favorisiert den mit dem dicksten Schädel. Wochenlang wird intensiv die Erstausstattung zusammengekauft - die erste funktionale Decke, die zweite zur Einrichtung passende. Selbstverständlich zwei Näpfe weil ein Hund ja zeitgleich frisst und säuft, Bürsten zur Fellpflege. Denn es sei ja allgemein bekannt, dass es auch Wolfsrüden gibt, die regelmäßig zur Fellpflege gehen.

Unabdingbar sind verstellbare Näpfe. Und auch hier wieder der Verweis zum Urvater des Hundes. Denn auch der Wolf schleppt ja seine Beute erst mal auf einen Baumstamm - er will ja keine Rückenschmerzen bekommen. Dann steht der Weltwelpenabholtag bevor. Der Hund hat Stress ohne Ende und nachdem er mehrfach das Auto vollgekotzt hat, keinen Bock auf Futter. Also macht ihm Frauchen vor, wie es sich aus dem neuen Napf frisst. Reaktion des Neuankömmlings: Wenn es der so gut schmeckt warte ich lieber, am ersten Tag sollte man Krach vermeiden.

Nach der Pause hält Rütter einen Crash-Kurs in Sachen Bellen beim Klingeln der Haustür. Anleinen bis der Hund entspannt auf der Seite liegt, hilft bei allen Hunden, die nicht unbedingt darauf aus sind, den Besuch zu schreddern. Training würde helfen, doch Rütter ist sicher, die wenigsten halten es durch. Wohlgemerkt die Menschen, nicht die Hunde.

Dann noch ein Abstecher zum Thema Hund und Couch. "Natürlich darf Bello drauf, aber nur wenn er dich auch noch drauflässt", räumt Rütter mit gängigen Vorurteilen auf. Im Falle einer 50-Kilo-Bordeaux-Dogge dürfte es im wahrsten Sinne eng werden. "Bringt ein einziges Wochenende einen Zettel am Kühlschrank an und macht Striche, wann der Hund und wann sein Chef gepunktet haben. Ich wette, das geht 120:20 für den Hund aus". Stichwort spielen: Bello bringt Ball, bestimmt das Spielzeug und die Art des Spielens und natürlich auch den Abpfiff. Sind schon mal vier Punkte für den Hund.

Kein Alleinherrscher

Dabei ist Rütter der Letzte, der aus einem Hund einen Roboter machen will. Doch das Tier müsse erkennen, ich bin hier willkommen, aber mir gehört nicht alles. "Es ist einfach nicht fair, jemanden zu zwingen bei mir zu wohnen und nicht für sein größtmögliches Wohlbefinden zu sorgen. Und nun ab nach Hause. Hund erziehen", verabschiedet sich der Hundepapst unter riesigem Beifall.