Hüttels Luftmotor

Kraft aus Luft: Für's Bier und für's Petroleumradio? Wie geht das denn? In Wolfgang Hüttels Sammlung in Wohlhausen erfährt der Besucher mehr darüber.

Wohlhausen Wolfgang Hüttel aus Wohlhausen, der dort über Jahrzehnte seine Sammlung historischer mechanischer Musikwerke aufgebaut hat, ist ein begnadeter Mechaniker. Unter seinen Händen verwandelt sich selbst eine Kiste Brennholz wieder in eine wohlklingende und wunderschöne Musikmaschine, so wie eine sehr seltene und in Breslau gebaute Kirmesorgel. Aber auch über 100 Jahre alte Kopiermaschinen für Orchestrion-Lochbänder der Klingenthaler Firma Julius Berthold, sein Ford-Oldtimer oder seine Ardi-Motorräder erstrahlen in altem Glanz. Jetzt hat er seiner Sammlung eine weitere absolute Rarität hinzugefügt, nämlich einen Luftmotor der Zwickauer Firma Heinrici aus der Zeit um 1900. Aber was ist ein Luftmotor?

 


Den Viertakt-Ottomotor gibt es seit 1876, doch schon viel früher, nämlich 1816, ließ sich der schottische Geistliche Robert Stirling eine geradezu geniale Idee für einen später nach ihm benannten Motor patentieren. Sein Motor arbeitete mit erhitzter Luft im Kreislauf, also ohne Auspuff.
Zu seinem Exemplar kam Wolfgang Hüttel per Zufall bei einem Treffen von Ardi-Fans in Lind bei Oberviechtach im Jahr 2019. Dort saß man gemütlich im Wirtshaus zusammen und irgendwie ergab es sich, dass sich Wolfgang Hüttel in einem Verschlag des Wirtshauses umsehen konnte und ihm dabei ein größerer Rostbatzen ins Auge fiel. 100 Euro sofort auf die Kralle? Der Wirt schlug ein und schon hatte der Mann aus Wohlhausen ein Schnäppchen gemacht, wenn auch ein desolates.
Zu Hause hieß es, das gute Stück komplett zu zerlegen, zu waschen, elektrolytisch zu entrosten und sandstrahlen, alles wieder passgenau und gängig zu machen. Zusätzlich baute er ein Gestell, auf dem sich oben der Motor und darunter eine Gasflasche mit Bunsenbrenner befindet, um den Motor auch vorführen zu können. Und natürlich wurde alles lackiert für das fabrikneue Aussehen. Doch wie funktioniert dieser Motor? Die Arbeitsweise ist nicht ganz einfach zu verstehen, was auch für die Genialität der Erfindung spricht. Daher nur soviel: Der Motor arbeitet mit einem Arbeits- und einem Verdrängerkolben, die sich je nach Konstruktion getrennt in zwei Zylindern oder auch zusammen in einem Zylinder befinden können. Wolfgang Hüttels Motor besitzt einen Zylinder. Die Luft im Zylinder über der Flamme (siehe Modellbild) erwärmt sich und dehnt sich aus, strömt seitlich am Verdränger vorbei und schiebt dabei den Arbeitskolben nach rechts, der über das Gestänge das Schwungrad antreibt. Im Bereich der Kühlrippen kühlt die Luft ab, wobei ein Unterdruck entsteht und den Arbeitskolben nach links zurückzieht. Gleichzeitig bewegt sich dabei der um 90° versetzt arbeitende Verdränger nach rechts, wobei die Luft an ihm vorbei wieder in den geheizten Zylinderbereich zurückströmt und der Vorgang von vorn beginnt.
Wolfgang Hüttels Motor war viele Jahre in der Münchner Bürgerbräu-Brauerei zur Belüftung im Einsatz, um CO2-Ansammlungen durch den Brauprozess zu vermeiden. Aus diesem Grund betätigen die zwei Schwungräder des Motors zwei seitlich darunter befindliche Luftpumpen, die jetzt (anstatt wie früher Wasser) mit Luft für die Motorkühlung sorgen.
Stirlingmotoren haben zwar im Verhältnis zu ihrer Größe eine eher bescheidene Leistung und auch der Wirkungsgrad ist relativ gering. Dafür haben sie aber eine Reihe Vorteile. So laufen sie leise und sind Vielstoffmotoren. Das heißt, das Heizmedium ist beliebig, also Gas, Benzin, Spiritus, Solarenergie oder sogar Abwärme.
Alles zusammen machte diese Motoren damals zum Erfolgsmodell. So begann der 1847 in Torgau geborene Louis Heinrici und von Beruf Optiker 1876 in Zwickau mit der Herstellung von Heißluftmotoren in verschiedenen Baugrößen und Konstruktionen, die er über 50 Jahre produzierte. Vielfältig waren die Anwendungen, wie Wasserpumpe, Antrieb für Transmissionen oder Orchestrions der Leipziger Firma Lochmann, Rührvorrichtungen u.ä. in Laboren und sogar Ventilatoren, Aquarienpumpen oder Zimmerspringbrunnen. Berücksichtigen muss man, dass Elektrizität seinerzeit nicht überall verfügbar war und Heißluftmotoren auf unkomplizierte Weise Energie lieferten. Originell auch ein Radio von Heinricis Sohn Ernst aus dem Jahre 1938, in dem ein Motor einen Dynamo antreibt, der das Radio mit Strom versorgt. "Wir hören Rundfunk mit Petroleum", titelten begeistert die Zwickauer Stadtnachrichten. Originell auch Heinrici's Bettfedern-Reklame-Apparat für Schaufenster.
Stirlingmotoren erleben heute eine Renaissance. So in Blockheizkraftwerken oder schwedischen U-Booten zur Erzeugung von Elektroenergie und selbst in der Raumfahrt. Bereits vor vielen Jahren dienten sie sogar als Autobus- und Lkw-Antrieb, etwa in Australien.
Der Wirt, der Wolfgang Hüttel den Motor billig verscherbelte, war beim Anblick von Bildern des restaurierten Motors hellauf begeistert, dass das tolle Stück in gute Hände und nicht von Geschäftemachern gekommen war und nun in einem Museum der Nachwelt erhalten bleibt. Und wenn Corona vorbei ist, hat man wieder mal einen Grund für einen Besuch der Musikwerkausstellung, die heute Wolfgang Hüttels Sohn Reiner betreibt. Helmut Schlangstedt