Hoteldirektor hoch im Norden

Der Vogtländer Sven Walczak hat sein Glück gefunden: Der Koch aus Reichenbach hat Anker in Norwegen geworfen - nach Wanderjahren in der ganzen Welt.

Reichenbach/Sortland - Die Hotelkette Scandic betreibt 80 Hotels in Norwegen und vor zwei Wochen wurde das jüngste Objekt eingeweiht, hoch im Norden - nördlich der Lofoten. "128 Zimmer mit 320 Betten", sagt Hoteldirektor Sven Walczak. "Wir liegen direkt am Wasser und sind das zweite Hotel in Sortland, einem 10.000-Einwohner-Städtchen."
Walczak stammt aus Reichenbach und ist nach eigenen Worten Chef von 25 Leuten - und es werden 35 sein, wenn Corona überstanden ist. "Wir laufen derzeit nur im eingeschränkten Betrieb unter Einhaltung aller Hygienebestimmungen. Ab Sommer wird es hoffentlich wieder anders. Dann erwarten wir auch deutsche Touristen."
Im Telefonat mit dem Vogtland-Anzeiger schildert Walczak seinen Werdegang nach der zehnten Klasse an der Mittelschule Mylau: "Bei der Kochlehre in einem der besten Restaurants Bambergs habe ich nach alter Schule zu kochen gelernt: In der kleinen, feinen Küche haben wir alles selbst gemacht."
Nach neun Monaten in einem traditionellen Gasthof in der Nähe Bambergs, wo häufig 70 Jahre alte Rezepte gekocht werden, geht Walczak zur Bundeswehr: Im oberpfälzischen Weiden kocht er im Offizierskasino. "Das war die erste Küche, in der ich das Sagen hatte." Dabei lernt er Ordnung, Pünktlichkeit - und wird ein bisschen erwachsener, als er große Veranstaltungen organisieren muss, eine Hochzeit mit 100 Gästen zum Beispiel.
An einem Freitag ist Schluss - und am Montag wacht Walczak in Irland auf, eine Agentur hatte ihn vermittelt. "Ich hatte schon als kleiner Junge geträumt, als Koch die Welt zu bereisen."
Jetzt also ein Fünf-Sterne-Hotel in der Nähe von Dublin. Walczak steht in der Küche - und kann kein Englisch. "Der strenge Küchenchef war Franzose und gab mir einen Monat. Er war knallhart, aber fair. Und ich habe die Zähne zusammengebissen. Nach einem Jahr sollte ich sogar stellvertretender Küchenchef werden. Aber dafür war die Zeit nicht reif."
Die nächste Station heißt "Royal Garden Hotel" in London. "Hier steigen Könige und Prinzen ab, und auch der russische Ministerpräsident war Gast", berichtet Walczak, der nach eigenen Worten nach drei Monaten Chef der Gemüse-Abteilung wird und in kurzer Zeit eine Menge lernt. "Ich war der einzige Deutsche unter 25 Leuten in der Küche und der Chef war Vize-Präsident der englischen Kochgilde."
Nach einem Jahr erinnert sich Walczak, was der strenge französische Koch in Dublin ihm mit auf den Weg gegeben hat: Erfahrungen sammeln, Augen und Ohren offen halten, andere Kulturen kennenlernen: "Ich ging nach Ägypten, in ein Grand-Hotel am Roten Meer. Mein Zwei-Jahres-Vertrag sah einen freien Tag in der Woche vor und nach einem Jahr sollte ich einen Monat Urlaub bekommen. Am Ende hatte ich 14 Monate durchgearbeitet."
Das Hotel verfügt übe zehn Restaurants - mit knapp 250 Köchen und Küchenpersonal, meist aus Ägypten. Walczak leitet das Tapas-Restaurant und regt sich viel auf, ehe er gelassener wird. "Ein Mitarbeiter sollte anrichten und deponierte zehn Büschel Petersilie in seinem Mund, damit er sie zur Hand hatte, um sie schnell auf den Tellern zu platzieren. Er hat partout nicht verstanden, warum ich das kritisiere."
Wie Walczak schildert, hat er in Ägypten keinen Urlaub bekommen - und deshalb kündigte er nach 14 Monaten. "Erst habe ich in der Heimat den Führerschein gemacht und danach auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert: Florida-Istanbul-Venedig - und zurück. Die Seaborn Cruiseline ist eine der besten Adressen, das Bewerbungsgespräch dauerte zwei Tage."
Nach sechs Monaten wechselt Walczak zurück nach Sachsen, ins Romantikhotel Schwanfeld nach Meerane - aber bald überkommt ihn wieder das Fernweh und er geht nach Norwegen, in ein neues Hotel in Oslo, wo der Küchenchef ein alter Bekannter ist: Der Franzose von Dublin. "Ich bin schnell sein Stellvertreter geworden."
Zwei Jahre später wird Walczak Küchenchef in einem Konferenz-Hotel am Flughafen Oslo und nach vier Jahren Chef von Restaurant und Küche. "Hier habe ich meine Frau kennengelernt und 2019 die Chance bekommen, Bezirksleiter der Hotelkette zu werden, verantwortlich für 20 Einrichtungen der Region Oslo."
Im März 2020 fahren die Hotels herunter - wegen Corona. Walczak muss wie viele andere in Kurzarbeit und hat eine besondere Ablenkung: Im April wird seine Tochter geboren - und hat ein zweites Mal großes Glück: Er wird Hotelchef in Sortland. "Ich liebe den Norden - Landschaft, Leute, Natur, alles wie aus dem Bilderbuch. Ich angle gern und gehe wandern, auch das ist hier ideal möglich."
Und Ostern? "Ich hatte drei Tage frei, die ersten Tage seit November - außer Weihnachten. Wir habe mit dem Auto Tagestouren unternommen. Und jetzt beginnt die Vorbereitung auf die Hauptsaison, ab Juni dürften wir volles Haus haben."
Im Sommer haben Walczaks Eltern einen Besuch angekündigt: Die Großeltern wollen die Enkelin sehen. "Eigentlich wollten wir im Mai heiraten, aber das haben wir auf 2021 verschoben." ufa