Hommage an Jahrhundertmaler

Vor 15 Jahren starb Reichenbachs "Jahrhundertmaler", Prof. Wolfgang Mattheuer - an seinem 77. Geburtstag am 7. April 2004.

Von Dr. Wolfgang Viebahn

Reichenbach - Noch sind die Diskussionen um eine mögliche Umbenennung des Solbrigplatzes in "Mattheuerplatz" und die negativen Reaktionen eines Teils der Reichenbacher darauf nicht ganz vergessen. Wolfgang Mattheuer, der Maler, Grafiker und auch Schriftsteller starb an seinem 77. Geburtstag am 7. April 2004. Seine Ehefrau Ursula Mättheuer-Neustädt bewahrt in Leipzig sein Werk im Rahmen einer Stiftung. 
Die Stadt Reichenbach und viele Spender sind schon sehr nahe am Kauf seiner spektakulärsten Skulptur dran, die auch in Berlin, Potsdam, Halle, Leipzig und Bonn steht: "Der Jahrhundertschritt", eine Parabel auf die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts. Diese Skulptur entstand 1984 in Reichenbach, im Mattheuerschen Anwesen in "Kleingrönland". Auch der "Maskenmann", das Geschenk Mattheuers an seine Geburtsstadt, wurde hier geformt. 

Mitbegründer der
"Leipziger Schule"

Kaum ein Passant des Reichenbacher Marktplatzes kommt an dieser mahnenden Figur vorbei, die anlässlich der Montagsdemonstrationen von 1989 in Leipzig die zweite Bezeichnung "Gesicht zeigen" erhielt. 
Reichenbach kann sich glücklich schätzen, dieses Werk Mattheuers mit weiteren Kopien in der Nationalgalerie Berlin, im Museum der bildenden Künste Leipzig oder im Museum der Stadt Heilbronn teilen zu dürfen. Der "Maskenmann" steht sogar in Mattheuers Leipziger Wohnung und schmückt nicht von ungefähr die Grabstätte Mattheuers auf dem Leipziger Südfriedhof.
Wolfgang Mattheuer wurde am 7. April 1927 in der Reichenbacher Birkenstraße 21 geboren. Er hatte nach seinem Schulbesuch von 1941 bis 1944 eine Lehre als Lithograph in der Reichenbacher Großdruckerei von Carl Werner absolviert. 
Bitter war für ihn, dass er 1946 an deren kriegsbedingter Demontage teilnehmen musste. So nahm er 1946 ein Studium an der Kunstgewerbeschule Leipzig und ein Jahr später an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig auf. 

Parteiaustritt am
Tag der Republik

Leipzig sollte fortan zu seinem Lebensmittelpunkt werden, hier heiratete er die aus Plauen stammende Graphikerin Ursula Neustädt. In Leipzig wurde Mattheuer während seiner bis 1974 dauernden Lehrtätigkeit als Professor zusammen mit Werner Tübke und Bernhard Heisig um 1960 zum Begründer der Leipziger Schule. Mattheuer hinterließ 740 Gemälde, über 5500 Zeichnungen, rund 850 Druckgrafiken und etwa 50 Plastiken und Objekte. 
Seine Werke sind heute zwischen Peking und Wien über die Welt verteilt, Ausstellungen führten ihn nach Tokio, Mexiko, New York, London, Venedig, Graz, nach Luxemburg und nach Schweden.
Mattheuer war ein gedankentiefer, ja philosophischer Künstler, der bald an die Grenzen der DDR-Wirklichkeit stieß. Mattheuer hatte sich zum Welt-Bürger entwickelt: "Die ganze Welt als Heimat schafft sich keiner. Aber wer die Heimat als ein Stück Welt begreift, kann ein Weltbürger sein" (1984). Er geriet immer mehr in Konflikt zur DDR und trat demonstrativ am 7. Oktober 1988, dem "Tag der Republik", aus der SED aus. 

Bekenntnis zur
vogtländischen Heimat

Er bekannte sich geradezu leidenschaftlich mit einer Vielzahl von Bildern und Grafiken zu seiner vogtländischen Heimat, beispielsweise anlässlich einer Ausstellung in der Burg Mylau im Oktober 1984: "Ich will zeigen…, dass meine ganze Bildnerei hier in dieser Gegend, meiner wirklichen Heimat, wurzelt. 
Reichenbach blieb Zeit seines Lebens neben Leipzig der andere kreative Ort. Die Mattheuers kamen in ihr Haus in der Stammarbeitersiedlung, um sich zu entspannen, aber um vor allem zu arbeiten. Davon zeugen viele Bilder, Grafiken und Plastiken.
Eins der bekanntesten Werke Mattheuers, "Hinter den sieben Bergen", entstand in mehreren Variationen ab 1969, ausgelöst von der Besetzung der CSSR durch "Bruderarmeen" 1968: Eine Straße zieht sich durch eine Industrielandschaft hin zu den "sieben Bergen", über denen verheißungsvoll eine Frau mit Blumen und Luftballons schwebt. 
1982 vermerkte er dazu: "Hinter den sieben Bergen soll das Bedenkenswerte und Gesprächswerte liegen und nicht davor. Vorn wird aufgebrochen nach dahinten. Wohin wird aufgebrochen? Was ist ,Dahinten‘?"
Im Jahre 1985 zeichnete die Stadt Reichenbach Prof. Wolfgang Mattheuer als Ehrenbürger aus. Nehmen wir den fünfzehnten Todestag Wolfgang Mattheuers zum Anlass, uns dieses bedeutenden Reichenbachers und Vogtländers, der Nationalpreisträger der DDR und Träger des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland war, in Dankbarkeit zu erinnern. 
Übrigens: Leipzig benannte bereits im Jahre 2011 im Gedenken an Prof. Wolfgang Mattheuer eine Straße als "Mattheuerbogen". Und Reichenbach?