Holz kostet viel Kohle

Holz wird knapp und teuer in Deutschland. Handwerker jammern, weil sie schlechter kalkulieren können. Der Kunde, weil er mehr zahlen muss. Der Waldbesitzer hofft auf bessere Zeiten und der Chef im Sägewerk macht das große Geschäft, weil er gutes Holz zu hohen Preisen in die USA und nach China verkauft.

Von Cornelia Henze

Plauen/Klingenthal Ein Vogtländer will sich ein Carport bauen lassen. Keine große Sache, denkt er. Aber der benachbarte Zimmermann, der das Teil bauen soll, winkt ab. Das würde dauern, Holz sei keines da. Und wenn nach zig Wochen welches käme, würde das Carport doppelt so viel kosten wie letztes Jahr. "Das wird wie zu DDR-Zeiten", sagt der Handwerker resigniert und erzählt von den Amis und den Chinesen, die in Deutschland in Größenordnung das Holz wegkaufen. Ganz einfach, weil sie es können und die besseren Preise bieten.


"So ist es", sagt Jens Metzner, der als Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Plauen-Vogtland 600 Mitglieder mit insgesamt 10.000 Hektar Wald vertritt. Was den Eigentümer von nur 0,3 Hektar Wald mit der 2300 Hektar besitzenden Stadt Plauen oder den nicht unerheblichen Flächen des Kirchenwaldes gemeinsam hat: Das große Geschäft mit dem Rohstoff Holz geht noch an den Waldbesitzern vorbei. Ähnlich wie beim Milch- oder Gemüsebauern wird das große Geld nicht in der Waldwirtschaft verdient - sondern in der Kette weiter oben. Nach den guten Holzertragsjahren zwischen 2010 und 2017, in denen es für den Festmeter 90 bis 100 Euro gab, rutschte der Holzpreis ab. Einige Jahre gab es für den Festmeter nur noch 30 Euro. Sturmschäden und der Borkenkäfer, so berichten Metzner und auch Ines Bimberg, Försterin beim Sachsenforst, sorgten bis Herbst 2020 für ein deutliches Überangebot an Rohholz. Die Konsequenz: Das oft schadhafte Holz kam zu Schleuderpreisen auf den Markt. Zumeist seien deutsche Waldbesitzer auf jede Abnahmemöglichkeit und jeden Preis, auch wenn er noch so niedrig war, angewiesen gewesen, so die Försterin. Das Blatt wende sich aber bald, gibt sich Jens Metzner zuversichtlich. Derzeit liegt der Festmeter unverarbeitetes Rohholz schon bei 73 bis 75 Euro, und wenn Holz weiter so nachgefragt werde, würde man beim früheren Festmeterpreis von 90 Euro wieder angelangt sein. "Wir Waldbesitzer sind optimistisch, hoffen auf stabile gute Preise. Holz als nachwachsender Rohstoff muss wieder was Wert sein, und die Arbeit in der Waldwirtschaft auch." Jens Metzner sieht jedoch die globale Holzvermarktung mit Sorge. Preise werden bestimmt von großen schon zu Imperien gewordenen Sägewerken, die das deutsche Holz nach Asien und Übersee verkaufen, weil dort die besten Erlöse zu erzielen sind. Kleine Sägewerke vor Ort bekommen kaum eine Chance. "Wir müssen wieder regionaler werden", sagt der Waldbesitzerchef und nennt ein Beispiel, das Hoffnung gibt. In Heinsdorfergrund gebe es einen Zimmermann, der bald sein eigenes kleines Sägewerk eröffnet, um unabhängig von den Globalplayern zu bleiben und seine Kunden ungeachtet von Preissteigerung und Lieferengpässen zu bedienen. "Solche regionalen Netzwerke wollen wir unterstützen."


Sachsenforst verkauft Rohholz zumeist an Sägewerke und industrielle Holzabnehmer in Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Bayern, etwas weniger auch nach Österreich und Tschechien. Das sind Betriebe wie Mercer, Rettenmeier im thüringischen Hirschberg oder Ziegler bei Tirschenreuth. Aber das Rohholz aus dem Landeswald gehe auch an Kleinabnehmer, wie Zimmerer, Blockhausbauer, Tischler, Instrumentenbauer, so Ines Bimberg.
Ist das Rohholz zu Schnittholz, sprich Brettern, Balken oder Dachlatten verarbeitet, kommt es in den Holzgroßhandel. Einer der größten Händler der Region ist Wurzbacher mit Sitz in Hof, der aber den Löwenanteil seines Geschäftes im Gewerbegebiet Plauen/Neuensalz betreibt. Denn dort hat der Mittelständler eine Lagerhalle nach der anderen gebaut. Die letzte im vorigen Jahr, was dem Arbeitgeber von rund 100 Beschäftigten mehr Lagerkapazität und damit größere Unabhängigkeit vom arg schwankenden Preis- und Liefermarkt verleiht. Geschäftsführer Martin Bruns spricht von acht bis zwölf Wochen Wartezeiten, ehe Holz von den Sägewerken geliefert werden könne. Eben, weil die USA verstärkt deutsches Holz aufkauft. Das tut der Amerikaner, weil die neue Biden-Regierung ein milliardenschweres Konjunkturprogramm aufgelegt habe. Das Baugeschäft in den Staaten boome, aber andererseits ist der Holzmarkt Nummer eins in Kanada verknappt. Denn im waldreichen Kanada wütete ebenso ein Holzschädling und obendrein hat der nördliche Nachbar der USA die Zölle erhöht. Zeitgleich zum verstärkten Holzzugriff aus Übersee habe aber auch in Deutschland der Bauboom, wohl hervorgerufen durch die Corona-Krise, begonnen. Wer nicht verreisen kann, setzt gespartes Geld woanders ein: Der nimmt den lang geplanten Hausbau in Angriff, saniert die Wohnung, baut in Hof und Garten. "Der Holzpreis war seit Jahren am Boden. Dass die Preise jetzt mal steigen, ist in Ordnung", so der Standpunkt von Martin Bruns. Derzeit bezahlt man für die Dachlatte mitunter den dreifachen Preis wie bis vor kurzem. Bruns nennt Preissteigerungen für Konstruktionsvollholz um 120 Prozent. Der Kubikmeter Schnittholz kostet bis zu 700 Euro. Die starke Binnennachfrage führte zu einer Art Klopapiereffekt: Die Handwerker, die genügend Lagerfläche besitzen, hamstern Holz, wenn möglich noch zu moderaten Preisen.
Dass Holz knapp und teuer wurde, habe sich schon Ende 2020 abgezeichnet. "Richtig akut wurde es im Februar/März", so der Holzhändler, der eine ganze Menge Handwerksfirmen aus dem Vogtland und Oberfranken mit Schnittholz versorgt. Für Wurzbacher bedeute der in Deutschland eingesetzte Bauboom eine Art Sonderkonjunktur, ein recht gutes Geschäft. Verstehen kann Martin Bruns aber gut die Handwerker, die ob des instabilen, sich ständig ändernden Holzpreises kaum mehr kalkulieren könnten und jegliche Ausschreibung dem globalen Preisdiktat unterliegt.


600 Handwerker aus 14 Gewerken vertritt seit diesen April Manuela Mehringer-Pöhlmann als neue Geschäftsführerin der Handwerkskammer im Vogtland. Seit einigen Wochen bestimme das Thema Rohstoffknappheit und instabile Preise auch den, wenn auch coronabedingt virtuellen, Handwerkerstammtisch. "Ihre" Handwerker klagten nicht nur über lange Holz-Lieferzeiten, sondern auch anderen Materialien, wie Metallbeschläge für Türen, Keramik für Sanitär oder Stahl. Es mangele oftmals auch nur an einzelnen Werkstoffen, die Handwerker zur Herstellung eines Produktes benötigen. Fehlt beispielsweise ein Weichmacher für die Kunststoffherstellung, kann die Produktion zum Erliegen kommen. Über die Gründe der Materialverknappung kann die Kammerchefin nur spekulieren. Von den erhöhten Zöllen in Kanada und den das deutsche Holz aufkaufenden Amerikanern haben die Handwerker gehört. Auf der anderen Seite munkelt man von großen Konzernen, dass diese coronabedingt ihre Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt und somit die Produktion gedrosselt hätten. Deshalb komme es wohl auch zu Lieferproblemen und es sei schwer zu sagen, wer auf den Zug der Materialverknappung als Trittbrettfahrer alles noch aufspringt.
Fast täglich änderten sich die Preise für Holz und anderes Baumaterial. Das macht es Handwerkern schwer, verlustlos zu kalkulieren. Wer nicht über Liquidität und Lagerkapazität verfügt, kann schnell ins wirtschaftliche Abseits geraten.