Hoffnung auf viele Wow-Effekte

Sei bitte still. Fass nichts an. Bleib in meiner Nähe. Derartige Ermahnungen von Eltern an ihre Kinder werden im Textilzentrum Plauener Spitze im Weisbachschen Haus nicht zu hören sein, wenn die Einrichtung in spätestens zwei Jahren öffnet.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Bürgermeister Steffen Zenner ist aus eigenem Erleben des Lobes voll. Als er im Urlaub nicht nur das Architektenbüro Koko in Tallinn besuchte, sondern auch das Schiffsmuseum - eines der Referenzobjekte des international agiererenden Teams - sei er einmal mehr überzeugt gewesen, mit den jungen Balten die Richtigen für die Umgestaltung des Weisbachschen Hauses zum Museum beauftragt zu haben. Museum? Was die Koko-Mitarbeiter, die mindestens ein Mal monatlich in Plauen anzutreffen sind, bisher ablieferten, lässt eher an ein Event-Center denken. In der Tat sei die Bezeichnung Textilzentrum Plauener Spitze eher ein Arbeitstitel - nach einem griffigeren Begriff werde noch gesucht. 
Birte Böer von Koko brachte am Dienstag gemeinsam mit dem Direktor des Vogtlandmuseums, Dr. Martin Salesch, die Stadträte auf den neuesten Stand. Und bereits nach den ersten Bildmodellen scheint klar: Hier reifen die Blütenträume von inzwischen Generationen Plauenern. Hier entsteht ein Gesamtensemble, was Zenner nicht müde werden lässt, von einem Museum von nationaler Bedeutung zu sprechen. Verzögerungen am Bau verschieben die Eröffnung auf Oktober 2020, spätestens das Frühjahr des Folgejahres. Lediglich während des unmittelbaren Umzugs - circa ein halbes jahr - werde das Spitzenmuseum geschlossen sein, avisiert der Kulturbürgermeister.
Birte Böer hat zur Präsentation das "große Besteck" ausgepackt. Anschaulich und doch nur ahnend lassend, was die Besucher aus ganz Deutschland einmal erwartet, "arbeitet" sie sich vom Erdgeschoss bis zum zweiten Obergeschoss vor. Und immer wieder fällt ein Begriff: Kinderfreundlichkeit. Kleine Sterne markieren auf der Präsentation, wo sich die jungen Museumsbesucher besonders angesprochen fühlen sollen, wo die Action wartet, inklusive des Be-greifens im Wortsinne und des Ausprobierens. Den visuellen Mittelpunkt des Erdgeschosses, in dem sich Garderobe und Sanitäranlagen befinden, bildet eine Art Multifunktionsraum. Hier können Veranstaltungen jedweder Art stattfinden, vor allem aber: Der Besucher sollte schon beim Betreten "Wow" sagen, wünscht sich die junge Estin. Räder bewegen sich, Decken und Wände wechseln perment das Aussehen. Mittendrin statt nur dabei.
In der ersten Etage bilden der Beginn der Industrialisierung im Vogtland, Berufe der Textilindustrie, Veredlungsverfahren und die weitere technische Entwicklung den Schwerpunkt. Klingt wie Museum, ist aber viel mehr. Wer derartige Einrichtungen mit Gedränge in Verbindung bringt, irrt auch hier. In jedem Raum sei Platz für bis zu 20 Personen, um auch Busgruppen keine klaustrophobische Enge zumuten zu müssen, sagt Frau Böer. Eines der Highlights auf dieser Ebene: ein aus der Hempelschen Fabrik integriertes Flügelwerk, eine Art begehbare Original-Öse, quasi von der Decke schwebend.
Ein fensterloser Raum im Zwischengeschoss eignet sich bestens für Filmpräsentationen, der "Hit" aber sind fünf T-förmige Vitrinen. Großflächig verglast, an jeweils einer Seite als Fenster gestaltet, um die Gardinen aus Plauener Spitze voll zur Wirkung kommen zu lassen. Flankiert werden die Vitrinen von Sitzecken, die den Charme unterschiedlicher Epochen ins Heute transportieren.
Um die Internationalität des Produktes, das Plauen zu seinem Beinamen verhalf, geht es im zweiten Obergeschoss: Handel, Musterbücher, die aktuelle Entwicklung der Textilindustrie. Dramaturgisch setzen die Talliner "hier oben" noch eins drauf. In der Nachbildung der Vitrine, mit der sich Plauen auf der Pariser Weltausstellung präsentierte, befindet ein Kleid als Hologram. Die Wände dienen als Projektionsfläche für Filme über die Weltausstellung. Ein Stadtplan Plauens als Spitzenmotiv - auch der dürfte das Zeug zum Hingucker haben. In einem besonderen Raum - Bröer bezeichnet ihn als Entschleunigungsraum - wird die Geschichte der Familie Weisbach dargestellt. Ohne deren Bereitschaft, das Haus zu einem symbolischen Preis an die Stadt zu verkaufen, wäre das Textilzentrum wohl weiter nur Wunschtraum geblieben. 
Und so waren die Stadträte in der sich anschließenden kurzen Diskussion auch ausnahmslos des Lobes voll über das in der Elsteraue entstehende Schmuckstück, modernsten museumstechnischen Ansprüchen genügend. "Als Spitzenstadt kann uns nichts Besseres passieren", sagte SPD-Stadtrat Bernd Stubenrauch, beruflich lange Jahre mit der Spitze aufs Engste verbunden. Damit befände man sich im direkten Wettbewerb mit dem Museum im schweizerischen St. Gallen, fügte er an. Und auch Grünen-Stadtrat Dieter Rappenhöner, dessen Arbeitsplatz sich seit einem viertel Jahrhundert im Weisbachschen Haus befindet, konnte den Ideen der jungen Architekten aus Tallin nur positives abgewinnen.