"Hoffen auf die Vernunft der Menschen"

Wer in diesen Tagen durch die Plauener Innenstadt streift, glaubt eine gewisse Anspannung der Menschen zu spüren - mit gutem Grund. Wegen der Entschärfung von zwei Bomben könnten am Samstag bis zu 17.000 Menschen evakuiert werden müssen.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Nein, es gehört sich eigentlich nicht, eine junge Mitarbeiterin der Verwaltung zu fragen, wie sie derzeit schläft. Im Falle der Ordnungsamtsleiterin Anja Ullmann sei diese Ausnahme erlaubt. Frau Ullmann ist Einsatzleiterin der möglicherweise größten Evakuierungsmaßnahme in Plauen seit dem Zweiten Weltkrieg.
"Mehr oder weniger", beantwortet Frau Ullmann denn auch lächelnd die Frage nach dem derzeitigen Schlafkonsum. Persönlich ist sie übrigens von der Bannmeile, die am Samstag um die Innenstadt gezogen werden könnte, nicht betroffen - sie wohnt in Röttis. Gewissermaßen die Miniaturausgabe einer Evakuierung - 2018 im Reusaer Wald - hat sie als Einsatzleiterin bereits hinter sich. Doch diesmal müssen dickere Bretter gebohrt werden.
Der eigentliche Countdown beginnt für die Experten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes aus Dresden bereits am Freitag. Dann beginnen sie die Baustellen an der Syra- und an der Bleichstraße, wo metallische Gegenstände gefunden wurden, die Bomben sein könnten, "anzugraben" Am Samstagmorgen werden sie freigelegt, dann folgt die Stunde der Wahrheit. Handelt es sich tatsächlich um eine oder mehrere Bomben, legen die Experten den endgültigen Umkreis der Evakuierung fest. Als Faustregel gilt: Für eine 250-Kilo-Bombe ist ein Radius von einem Kilometer zu sperren. Dann beginnt ein Szenario, auf das sich alle Beteiligten seit Ende Mai intensiv vorbereitet haben und es noch immer tun. Schlimmstenfalls müssen wie gesagt 17.000 Menschen evakuiert werden.
Doch wie erfahren die das? Pressesprecherin Sylvia Weck setzt quasi auf alle Informationskanäle - den Regionalsender Vogtland Radio ebenso wie auf die gesamte Bandbreite von Social Media. Zudem werden ab heute in allen potentiell betroffenen Haushalten Flyer mit den wichtigsten Informationen verteilt. "Es werden nur so viele Menschen evakuiert, wie unbedingt nötig", ergänzt sie. Außerdem werde am Samstag ab 8 Uhr auch das Bürgertelefon geschaltet (03741/ 291 2345), mittels dem die wichtigsten Fragen beantwortet und aktuelle Informationen gegeben werden. Bis zu 600 Personen sind damit beschäftigt, damit eine Evakuierung so schnell und zuverlässig wie möglicht über die Bühne geht - Mitarbeiter der Verwaltung, des Rettungszweckverbandes, des Katastrophenschutzes, des THW, der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehren. Ebenfalls am Samstag ab 8 Uhr gehen "Klingelputzer" auf Tour, um die Betroffenen "aus den Federn" zu holen. Die personelle Teamstärke richtet sich nach der Besiedlungsdichte der in verschiedene Sektoren aufgeteilten Sperrzone. "Wir hoffen auf die Vernunft der Menschen", sagt Frau Weck. Will heißen: Die Teams klingeln, wird nach mehrfachem Klingeln nicht geöffnet gehen wir davon aus, dass sich die Betreffenden selbst eine Bleibe bei Verwandten oder Bekannten organisiert haben. Wer in seiner Wohnung angetroffen wird, muss diese zeitnah verlassen. Und zeitnah bedeutet, dass tatsächlich so lange gewartet wird, bis der Betreffende den Schlüssel im Schloss rumdreht. Klare Ansage: Wer sich den Anordnungen - die letztlich zu seinem eigenen Schutz erfolgen - widersetzt, kann Ärger bekommen. Es sei schließlich nicht ausgeschlossen, dass die Bombe(n) nicht entschärft werden können, dann müssten sie unter Umständen gesprengt werden, macht Anja Ullmann auf die so gar nicht theoretische Gefahr aufmerksam. Als Notunterkünfte stehen übrigens die Festhalle und die Mehrzweckhalle an der Kasernenstraße zur Verfügung, bei Bedarf zusätzlich die Biller-Veranstaltungshalle. Alle Einrichtungen sind mit der Straßenbahn erreichbar. Tiere dürfen übrigens definitiv nicht mit in die Notunterkünfte gebracht werden, ergänzt die Einsatzleiterin. Umso wichtiger sei, den Mundschutz nicht zu vergessen. In allen Unterkünften gelte zudem die Abstandsregelung.
Die Evakuierung der in der "Bannmeile" befindlichen Pflegeheime übernimmt der Rettungszweckverband. Dass sich die Seniorenresidenz am Goetheplatz noch in der Fertigstellung befindet, erweist sich dabei als glücklicher Umstand. Auf den noch nicht bezogenen Etagen finden Senioren anderer Pflegeheime Unterkunft.
Eine Zeitschiene lasse sich nur schwer prognostizieren - man geht aber von fünf bis sechs Stunden aus, die die Evakuierung in Anspruch nehmen könne. Dass Menschen in den Notunterkünften übernachten müssten, sei eher unwahrscheinlich. Dass sich schon Samstagmittag Leute finden könnten, die hämisch von "viel Lärm um nichts" sprechen, sollte eine Evakuierung nicht erforderlich sein - damit rechnet Frau Ullmann. "Prävention lässt sich nicht messen, das ist nicht anders als beim Corona-Virus". Die "Entwarnung" erfolgt übrigens in umgekehrter Reihenfolge - über die sozialen Medien und per Lautsprecher.
Seit 1979 wurden in Plauen 71 Bomben gefunden und unschädlich gemacht.