"Heym-Spiel" für Annekathrin Bürger

Annekathrin Bürger, eine der bekanntesten Ost-Schauspielerinnen widmete sich in der Reihe "Jazz-Lyrik-Prosa" Werken von Stefan Heym, einem der umstrittensten Autoren der DDR, der auch nach der Wende ein Unbeugsamer blieb.

Vor leider nur rund 70 Zuschauern im König Albert Theater präsentierte die Theater- und Filmschauspielerin ein musikalisch-literarisches "Heym-Spiel", dessen Schwerpunkt unter anderen die Bücher "Filz" und "Ahasver" sowie ausgewählte Texte zur Wende in der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung bildeten. Annekathrin Bürger hatte selbst persönlich Kontakt zu Stefan Heym, mit dem sie auch 1989 auf der Tribüne am Berliner Alexanderplatz stand, als die grundlegende Erneuerung des Sozialismus gefordert wurde.
Stefan Heym wurde am 10. April 1913 als Helmut Flieg und Sohn einer jüdischen Chemnitzer Kaufmannsfamilie in Chemnitz geboren. Nachdem er 1931 wegen eines in der sozialdemokratischen. "Volksstimme" veröffentlichten Spottgedichts über den deutschen Militärexport vom Gymnasium seiner Heimatstadt verwiesen wurde, absolvierte er sein Abitur in Berlin und studierte Journalistik und Germanistik. 1933 flüchtete er nach dem Reichstagsbrand nach Prag und weiter in die USA, wo er den Namen Stefan Heym annahm. Zum Schutz seiner Angehörigen in Deutschland verfasste er ausschließlich unter diesem Pseudonym seine ersten Romane, die er in englischer Sprache schrieb.
Während des 2. Weltkrieges wurde er amerikanischer Offizier und war bei der Landung in der Normandie dabei. Die amerikanische Staatsbürgerschaft und alle militärischen Auszeichnungen gab er allerdings 1953 aus Protest gegen den Koreakrieg und gegen den Antikommunismus der McCarthy-Ära zurück und siedelte 1952 in die DDR über. Annekathrin Bürger las dazu Auszüge aus Heyms Antwort an einen amerikanischen Journalisten auf die Frage, warum er nach Deutschland zurückkehrte. "Mein Exodus war der von Thomas Mann vorausgegangen", habe sich Heym geäußert und mit Blick auf Verfolgungen durch Schriften zu aktuellen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen festgestellt: "Das Schreiben von Büchern ist da nicht förderlich."
Dennoch blieb Heym seinem Wesen treu, zu schreiben, was andere lieber verschwiegen. In der DDR publizierte er in englischer und deutscher Sprache. "Auf ein großes literarisches Abenteuer" habe er sich auch eingelassen, als er sich mit dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR befasst und in seinem Roman "5 Tage im Juni" verarbeitet hat. Vom Glauben an einen demokratischen Sozialismus wollte er auch im realen Sozialismus der DDR nicht lassen. Annekathrin Bürger zitierte Texte aus dem nach der Wiedervereinigung erschienenen Publizistikband "Filz" mit Gedanken über das neue Deutschland von Heym., der auch unbequem im wiedervereinten Land blieb. Er schildert darin unter anderen die Bereitschaft der DDR-Bürger 1989 in ihren Mitmenschen das Gute zu sehen, was allerdings bald scheiterte, nachdem sie mit vertrauten Mustern vom real existierenden Sozialismus plötzlich mit dem real existierenden Kapitalismus konfrontiert wurden, und in der Hoffnung, nun Herr im eigenen Haus zu werden nicht erkannten, das sie schon wieder in einen moralischen Notstand geraten sind.
Für weitere Höhepunkte im Programm sorgte Annekathrin Bürger mit ausgewählten Passagen aus Heyms Roman "Ahasver" in dem der ewige, wandernde Jude Zweifel an Gottes Gerechtigkeit hegt und den humorvollen Betrachtungen von Heym über die Schwierigkeiten berühmt zu werden und der Erkenntnis, dass "berühmt zu sein auch kein Segen sei". Für beste musikalische Unterhaltung zwischen den Lesungen sorgte das ukrainisch-russische Trio "Scho".  Steffen Adler