Herzlichen Glückwunsch - mobârak bâshe

Für Omid und seinen besten Freund Asif könnten die Tage bis zum Wochenende 48 Stunden haben. Denn Omid Mohamadi heiratet. Es ist die erste afghanische Hochzeit in Plauen.

Von Torsten Piontkowski

Plauen - Auf einen Sprung ist Omid im Straßencafe vorbeigekommen, um mit Asif über den Stand der Vorbereitungen zu reden. Oder besser gesagt über die vielen Kleinigkeiten, die noch anstehen. In der Hand hält er die Quittung über die Bestellung einer vier-etagigen Hochzeitstorte bei der Feinbäckerei Aust. Gerade hatte er einen Termin bei einer Zeitarbeitsfirma, denn ein Job würde ihm nicht nur Pluspunkte beim künftigen Schwiegervater einbringen, sondern auch seinem neuen Lebensabschnitt mehr Sicherheit verleihen. 

90 Gäste aus 
ganz Deutschland

Dass sie sich erst auf den letzten Pfiff um alles kümmern, diese Vermutung will Asif, der 2016 nur wenige Monate früher nach Deutschland kam als sein Freund, gar nicht erst aufkommen lassen. Rechtzeitig haben sie sich um eine Location für die Feier gekümmert. Kein Problem, könnte man meinen, Hotels gibt es in Plauen schließlich genug. Der Haken: Nach afghanischem Brauch lädt man nicht nur alle Verwandten, nahen und fernen Bekannten ein - nicht selten kommen auch Menschen, auf die das alles nicht zutrifft. Und in Plauen leben derzeit rund 400 Landsleute von Omid. Langer Rede, kurzer Sinn - anfangs umfasste die Gästeliste denn auch an die 200 Personen, die allerdings auf die gatronomischen Möglichkeiten der Spitzenstadt zusammengestrichen werden musste. "Nun kommen etwa 90 Gäste, 70 Männer, 20 Frauen", sagt Asif. Diese Unterscheidung ist wichtig, da nach Geschlechtern getrennt in zwei Räumen gefeiert wird. Die Kinder sind eigentlich den Männern "zugeordnet", aber das erweist sich meist schon nach Kurzem als frommer Wunsch. 

Schwiegersohn auf Herz 
und Nieren geprüft

Angesagt haben sich Freunde aus ganz Deutschland - München, Stuttgart, Köln, Berlin. Einige sind bereits Mitte der Woche angereist und übernachten bei Freunden und Bekannten in Plauen wohnender Afghanen. Auch Asif hat zwei Männer als Untermieter auf Zeit aufgenommen. Weshalb kein Ehepaar? "Bei uns übernachten Paare auch getrennt, selbst wenn sie verheiratet sind, wenn die Wohnung des Gastgebers zu klein ist", erkärt Asif, dem in der Vorbereitungszeit übrigens noch eine ganz besondere Aufgabe zukam. 
Dem Brauch nach muss ein Vertreter aus der Familie des künftigen Bräutigams beim Vater der Braut vorstellig werden und um Erlaubnis bitten. Da Omid aber keinerlei Verwandte in Deutschland hat, fiel Asif dieses Ehrenamt zu. Der Schwiegervater ins spe sprach mit dem Töchterchen, nach ein paar Tagen traf man sich erneut. "Hat der Zukünftige eine Arbeit? Führt er einen anständigen Lebenswandel? Ist er sparsam?" Die Prüfung fiel positiv aus und der "Hochzeitsbitter" konnte mit der guten Nachricht zum Freund eilen. 
Dieses Prozedere werde zunehmend zur Formsache, räumt Asif ein, er kennt aber auch Fälle in der Heimat, wo die Frau ihren künftigen Mann vor der Hochzeit gar nicht zu Gesicht bekam, geschweige denn gefragt wurde.

Auf den Tisch kommt, was 
afghanische Küche bietet

Der 24-jährige Omid lernte seine künftige Frau in Plauen beim Deutschkurs kennen, zusammen sind sie nach hiesigen Maßstäben allerdings erst kurze Zeit - ein halbes Jahr. Ihre Name möge aber nicht in der Zeitung erscheinen, hat Schwiegervater entschieden, den Omid übrigens "richtig nett" findet. 
Die Familie seiner Braut wohnt in Plauen. Spricht er von seiner eigenen, verdunkeln sich seine braunen Augen noch ein wenig mehr. Auf der Flucht wurden sie getrennt. Der Vater ist tot, die Mutter, die Schwester könnten noch in Afghanistan sein, vielleicht auch im Iran. Kontakt hat er seit langem nicht mehr.
Auf der Haben-Seite des Erledigten steht schon mal die Speisenfolge. Um die kümmert sich ein Caterer aus Chemnitz, Landsmann der beiden. Die Getränke sind im Pauschalpreis des Hotels enthalten. Was eine deutsche Hochzeitsgesellschaft angesichts des in Strömen fließenden Biers und Weines erfreuen würde, gerät bei einer afghanischen Hochzeit fast zum "Nachteil". "Alkohol trinkt so gut wie niemand", erkärt Asif. Wäre am Ende auch ein Jammer, wenn der Geschmack der zahlreichen Spezialitäten unter Promille vergraben würde. Was beispielsweise nicht fehlen darf ist Grabuli - eine Reisspeise mit Möhren, Pistazien, Rosinen und selbstverständlich Fleisch. Dazu andere Fleischgerichte, jede Menge Salat, Süßspeisen.

Darlehen bei Freunden für
schönsten Tag im Leben

Die Hochzeitsgarderobe ist gekauft und klar wird Omid im Stile seiner neuen Heimat in Schlips und Kragen heiraten. Seine Zukünftige im langen weißen Kleid. Mehr mag er nicht sagen, mehr weiß er auch nicht. Für die Trauung ist ein Imam aus Plauen zuständig. Um die Ehe auch nach deutschem Recht zu legalisieren, haben die beiden schon einen Termin in der Stadtverwaltung
Den alten Gassenhauer "Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld", kennt Omid natürlich nicht. Aber nachgedacht hat er darüber freilich auch. Summa summarum rechnet er mit 6000 Euro. Einen Großteil des Geldes hat er sich bei Freunden geliehen, denen er das bis auf den Cent zurückzahlen werde, wie er beteuert. Und ein bisschen Hoffnung geht auch in Richtung der Hochzeitsgäste, die dem Brauch gemäß, den einen oder anderen Schein beisteuern werden. In wenigen Stunden wird Omids Braut dann auch erstmals offiziell seine Wohnung betreten - um für immer zu bleiben. Alles Gute!