Hellmuth Karasek liest in Plauen

Plauen - Höhepunkt des "Heißen literarischen Herbstes" in der Vogtlandbibliothek Plauen war am Mittwoch die Lesung mit Hellmuth Karasek.

 

Ohne Herumzureden gestand Karasek zu Beginn seiner Lesung, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu geführt habe, dass die Besucher nun zum zweiten Mal kommen mussten. Es machte ihn durchaus sympathisch, dass er gestand, auf dem Weg zum Telefon, als er eigentlich die erste, dann ausgefallene Lesung absagen wollte, den Grund seines Anrufes vergaß ...

Jetzt aber war er da, ein Mann, der im Januar des nächsten Jahres 77 Jahre alt wird und alles andere zur Schau stellte als einen Pensionärshabitus im obligaten Beige. Karasek trug enge, helle Hosen, hellbraune Budapester Maßschuhe, weißes Hemd mit hochgeschlagenem Kragen und Manschettenknöpfen, dazu ein dunkles Sakko. Doch neben einem perfekten Äußeren verfügt der Journalist (unter anderem bei Der Zeit und Spiegel), Autor von inzwischen 20 Büchern und Professor für Theaterwissenschaft auch über innere Werte: ein profundes literarisches Wissen, Witz, Bildung, nie nachlassende Neugier und Charme. Und natürlich, trotz seiner Jahre in Bernburg, das er als Abiturient in Richtung Westen verließ, erfuhr er Sozialisation und Prägung in der alten Bundesrepublik.

 

So ist es zu erklären, dass er in seinem ersten Beitrag, der sich dem 50. Geburtstag der Pille widmete, behauptete, die Pille sei der "entscheidende Schritt zur Emanzipation der Frau gewesen". Aus dem Gruselkabinett der alten Bundesrepublik führte er dafür die Tatsache an, dass dort bis weit in die sechziger Jahre Frauen der Erlaubnis ihrer Männer bedurften, um arbeiten gehen zu können. Nach der Pille jedoch seien die Frauen "zu den Herren der Familienplanung geworden". Das ist richtig. Was jedoch Emanzipation der Frau in der DDR ausmachte und welche Gründe es dafür gab, davon kein Wort.

 Hörbare Zustimmung erfuhr Karasek, als er Episoden (auch sehr persönliche) aus der furchtbaren, der pillenlosen Zeit zum Besten gab. Elegant und mit Augenzwinkern seine Überleitung zur großen Literatur: So habe die Pille ein Menschheitsdrama wie den "Faust" von Goethe in einer seiner Kernaussagen überflüssig gemacht. Wäre doch mit Pille der Untergang Gretchens, ihre Hinrichtung als Kindsmörderin, nicht passiert.

Gute 25 Minuten kam Karasek vom Hundersten ins Tausendste, plauderte, scherzte auf hohem Niveau über den Onan des Alten Testaments, Goethes Zustimmung als Mitglied des Weimarer Consiliums zur Todesstrafe an einer Kindsmörderin oder die jüngsten Auslassungen des Papstes zum Kondom. Aus seinem neuesten Buch mit dem eindeutigen Untertitel "Was Männer von Frauen wollen" las er im zweiten Teil des Abends den rund einhundert Besuchern zuerst die Geschichte "Lolita" vor. Karasek schildert darin (nicht ahnend, dass derzeit im Plauener Theater die Bühnenversion des Romans von Nabokov gezeigt wird) die Nöte eines Referendars an einer Privatschule, der von einer von naiver Verdorbenheit und raffinierter Unschuld schier berstenden Karin aus Klasse sechs betört wird.

 

Die autobiografisch geprägte Lolita-Episode mündet in der Erkenntnis: "Nein, Lehrer das wirst du ganz bestimmt nicht!", was zumindest dazu führte, dass wir Hellmuth Karasek als beliebten Autor, ehemaliges Mitglied des Literarischen Quartetts und immer noch fleißig schreibenden Journalisten schätzen können; einen Lehrer Karasek würde keiner kennen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Karasek, der seine Referendar-Anekdote kunstvoll mit Rilkes Gedicht über den hinter Gittern eingesperrten Panther verknüpft, in der Lage war, lange Passagen des Gedichtes auf dem Kopf zu rezitieren.

 

Da Hellmuth Karasek auch begeisterter Kinogänger ist (erinnert sei an "Mein Kino. Die 100 schönsten Filme") und unter anderem eine Biografie des Regisseurs Billy Wilder geschrieben hat, schloss er den Abend mit Geschichten aus der Welt des Films ab. Da lässt sich die Monroe über einem Luftschacht das Kleid in die Höhe pusten, hat der österreichische Jude Wilder den Einfall zu einer bahnbrechenden Erfindung, und so wie "Manche mögen?s heiß" mit der Pointe abschließt, dass niemand vollkommen sei, hat der auch dramaturgisch bewanderte Karasek zum Schluss die Lacher auf seiner Seite mit dem Witz: Fragt der Mann danach die Frau: "Möchtest du nicht auch manchmal ein Mann sein?" und kriegt zur Antwort: "Nein. Und du?"  

 

Von Lutz Behrens