"Haben vieles aus dem Stegreif gemacht"

Am 31. Mai vor dreißig Jahren trat - nach 57 Jahren - eine erste Stadtverordnetenversammlung nach freier Wahl in Plauen zusammen. Damals war aufgrund der Friedlichen Revolution eine "wilde Zeit" angebrochen, an die sich der erste Präsident der neu gewählten Versammlung, Klaus Junghans (83), erinnert. Unser Mitarbeiter Ingo Eckardt sprach mit dem langjährigen ehemaligen CDU-Stadtrat.

Herr Junghans, Sie sind erster Präsident der Stadtverordnetenversammlung im Jahr 1990 geworden. Wie sind Sie denn vorher durch die DDR-Zeit gekommen?
Na wie viele DDR-Bürger. Ich habe Elektromonteur gelernt, später Flugzeugbau studiert. Aufgrund der Einstellung des Flugzeugbaues in der DDR habe ich mich dann in Richtung Elektrotechnik weiterentwickelt, war in der Plamag beschäftigt. Dort habe ich alle RGW-Länder und auch einige exotische Länder besuchen dürfen, war sogar mit meiner Frau zwei Jahre in Indien. 1978 bin ich CDU-Mitglied geworden und wurde 1984 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt.

Sie sind bekennender Christ, inwiefern hat das Ihr Engagement beeinflusst?
Als evangelischer Christ war es eher ungewöhnlich, dass ich mit der Wende verstärkt in die Kommunalpolitik gegangen bin. Meine Kirche war damals nicht so begeistert davon, sich politisch einzubringen. Die katholischen Christen waren da deutlich häufiger vertreten. Dabei war ja gerade Superintendent Thomas Küttler in der Friedlichen Revolution sehr stark eingebunden. Andere Gemeinden haben das nicht ganz so praktiziert. Dennoch war im Stadtverordnetenpräsidium auch ein Pfarrer einer meiner Stellvertreter.

Mit der Wende änderte sich ja auch die kommunale Arbeit schlagartig. Wie sah das konkret aus?
Na so von einem auf den anderen Tag ging das nicht, das war schon ein Prozess des Niedergangs der DDR-Kommunalpolitik. Es gab kaum mehr Stadtverordnetenversammlungen - Anfang 1990 hat sich die Stadtverordnetenversammlung aufgelöst und der Runde Tisch übernahm die Aufgabe. Mit der Wahl vom 6. Mai 1990 startete eine Neuausrichtung der kommunalen Arbeit. Die Dezernate wurden begründet und neu zugeschnitten, die meisten der damals als Stadträte bezeichneten Beigeordneten wurden entlassen. Das war eine beachtliche Arbeit, die Oberbürgermeister Magerkord mit uns als seinen Mitstreitern zu leisten hatte.
Der älteste neue Stadtverordnete hatte die Leitung der ersten Sitzung am 31. Mai 1990. Das war Erhard Fiebig, der die Sitzung einberufen hat. Dann haben wir gleich das Präsidium gewählt und ich übernahm von ihm die Sitzungsleitung. Es erfolgte dann anschließend die Wahl des Oberbürgermeisters und der Beigeordneten.

Welche Gefühle hatten Sie damals bei Ihrer ersten Sitzung?
Wir wollten was tun, wollten verändern, wollten die Stadt weiter bringen. Wer damals durch die Stadt ging, sah die verheerenden Zustände - das ist heute nicht mehr vorstellbar. Verfallene Häuser, marode Industrie und geknechtete Handwerksbetriebe - um all diese Dinge musste man sich kümmern. Gerade die Handwerker haben wir versucht zu fördern. Ich war ja schon in DDR-Zeiten in einer Kommission zum Thema kommunale Wirtschaft, die mit Genossenschaften und Handwerkern beschäftigt war. Da gab es ernste Notstände, die haben alle tüchtig geknaubelt.

Wussten Sie, was Sie bei der ersten Sitzung als Präsident zu tun hatten oder war das mehr "learning by doing"?
Wir wussten das selbstverständlich nicht. Es gab keine Geschäftsordnung, keine Satzung, nur eine Gemeindeordnung der gewählten DDR-Volkskammer, an die wir uns gehalten haben - ein Mix aus süd- und norddeutscher Ratsverfassung. Vieles musste aus dem Stegreif gemacht werden. Der Leiter des Sitzungsdienstes hat diese Sitzungen vorbereitet und ich musste mich auf seine Erfahrungen aus DDR-Zeiten verlassen. Ich kannte das ja, wie das in etwa ablaufen musste, aber ja, improvisieren mussten wir auch hin und wieder - es gab ja auch massenhaft neue Probleme mit vielen Beschlüssen, die getroffen werden mussten. Die zu beachtenden Gesetzlichkeiten hatten sich gewaltig verändert. Davon hatte ja niemand wirklich Ahnung. 1993 gab es dann eine Gemeindeordnung des Freistaates Sachsen, die uns eine gute Grundlage war.
Mit Hilfe der Freunde aus Siegen und Hof haben wir viel gelernt. Hermann Veitental ist es zu verdanken, dass wir schon Ende 1990, Anfang 1991 eine Geschäftsordnung und eine Hauptsatzung beschließen konnten.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit und den Umgang in der damaligen Stadtverordnetenversammlung empfunden?
Es war natürlich früh von Fraktionsgerangel die Rede. Aber alle 70 gewählten Leute wollten für die Stadt etwas Gutes erreichen. Und jeder wollte auch etwas sagen, die gewonnene Meinungsfreiheit nutzen. Das führte dazu, dass manch eine Sitzung bis in den nächsten Tag hinein andauerte. Später haben wir das gekappt und die Zeit auf 22 Uhr begrenzt, danach geht auch bei Stadtverordneten die Konzentrationsfähigkeit langsam dem Ende entgegen, um gute Beschlüsse fassen zu können.

Es war ja gerade für Sie sicher schwierig, mit den alten SED-Kadern zusammenzuarbeiten? Dennoch musste man ja versuchen, sie einzubinden, um die bestehenden gesellschaftlichen Gräben zu schließen…
Ich hatte ja vor allem mit meinen Leuten im Präsidiumsbüro zu tun - allen voran Ernst Vöske. Der hat die Ratssitzungen sehr akribisch vorbereitet, mir jeweils ein sogenanntes Drehbuch an die Hand gegeben. Das war eine wichtige Basis für die Arbeit. Wir haben uns arrangiert mit allen Fraktionen und versucht, eine friedliche Verfahrensweise im Umgang zu finden, was uns auch meistens gelungen ist.

Es gab ja gerade auch in Sachen Stasi-Mitgliedschaft einige schwere Personalentscheidungen zu treffen. Inwiefern waren Sie da eingebunden?
Wir haben allen leitenden Verwaltungsmitarbeitern und allen Stadtverordneten eine Selbstauskunft abverlangt, ob er inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. In der Verwaltung gab es da erhebliche Probleme, die Oberbürgermeister Rolf Magerkord aber aus meiner Sicht zum Großteil sehr umsichtig lösen konnte. In der Stadtverordnetenversammlung gab es eher wenige Fälle, aber neben mir in meinem Umfeld gab es einen solchen Fall. Das konnten wir recht geräuschlos klären. 1994 mit der zweiten Legislaturperiode war das kein großes Thema mehr und mit der Einführung der Gemeindeordnung Sachsens gab es dann auch mein Amt gar nicht mehr. Der OB steht der Verwaltung und der Ratsversammlung vor - nach Vorbild der süddeutschen Ratsversammlung. 1993 gab es auch noch eine Petition die Struktur der zwei Spitzen zu erhalten, die ich unterzeichnet habe, wie die anderen ehrenamtlichen Präsidenten der kreisfreien Städte auch. Aber mit der Vereidigung des Oberbürgermeisters im Jahr 1994 endete mein Amt.

Wie sehen Sie heute die Stadtratsarbeit aus einer gewissen Entfernung? Was hat sich aus Ihrer Sicht verändert?
Die Probleme heute sind ganz anderer Natur. Wir hatten oft umfassendere Problemstellungen, die bis ins Mark unserer Stadt gingen. Man denke nur an die Verkehrslösungen, die uns monatelang beschäftigt haben, wie den Umbau der Südinsel, wo zu DDR-Zeiten teilweise zwei Polizisten den damals bei weitem geringeren Verkehr regeln mussten. Dafür brauchte es dringende Lösungen und es gab sogar sehr visionäre Ideen mit einem Brückenüberbau. Wir mussten die Bausubstanz im Auge haben, eine Hochschule haben wir mit einer Petition versucht zu bekommen, was leider ja erst durch die Berufsakademie in den vergangenen Jahren erreicht werden konnte. Heute sind das oft eher konzentrierte und finanziell aufwändige Projekte, wie die geplante neue Dreifelder-Sporthalle, die Sanierung der neuen Elsterbrücke, die nicht mehr diesen ganzheitlichen Charakter haben, wie damals. Wobei es mich schon irritiert, wenn ich heute wahrnehme, was da gerade in Sachen Industriegebiet Oberlosa hochgekocht wird.

Wie nehmen Sie den Umgang der Akteure im heutigen Stadtrat wahr?
Ich lese das ja oft nur in der Zeitung. Es sind halt viele junge Leute dabei - das ist auch gut so. Manchmal hört man schon aggressivere Töne als früher, oft wird aber auch einiges zerredet. Ich unterstelle da keine Absicht, aber manchmal muss eben auch etwas einfach "gemacht" werden. Wir haben uns damals vom früheren Hofer OB, Hans Heun, beraten lassen, der damals zu vielen Dienstberatungen der Verwaltung eingeladen war.

Welches aktuelle Projekt würden Sie gern für unsere Stadt schnell verwirklicht sehen wollen?
Das Gewerbegebiet Oberlosa ist ein zentraler Punkt. Wir brauchen Wirtschaft und Steuereinnahmen, um Geld am Ende auch ausgeben zu können. Dazu müssen wir Eigenheimstandorte erschließen, damit Familien zu uns ziehen. Hier sind wir zu schwach auf der Brust. Das Thema Kultur ist auch sehr wichtig. Wir hatten früh mit den Hofer Symphonikern Kontakt, um eine Fusion mit dem Plauener Theaterorchester zu forcieren. Der damalige Intendant der Hofer, wollte das durchaus auch, aber die Plauener haben leider nicht mitgespielt. Schade eigentlich, denn ich sehe die Fusion mit Zwickau als gefährlich für unseren Standort Plauen an. Es gibt aber eben auch keine eigenständige Lösung mehr.