Haben Mitarbeiter bei Warwick Redeverbot?

Markneukirchen - "Offen will ich sein und unbequem", titelt ein Buch mit Bundespräsident Horst Köhler. Er ist hier im Gespräch mit dem freien Journalisten Hugo Müller-Vogg. Markneukirchens Bürgermeister Andreas Jacob hatte das reichlich mit eigenen Notizen versehene Buch im Handgepäck geschickt an den Sicherheitsleuten vorbei geschleust.

 

Am Bistro-Tischchen, am Ende des Besuchsprogrammes bei Bassgitarren-Hersteller Warwick, ließ er sich das Buch von Köhler signieren. Auch der Erlbacher Bürgermeister Klaus Herold fungierte als "Schmuggler". Er hatte vor dem Werkstor von Hanna Jordan einen Kalender entgegen genommen mit Zeichnungen der Heimat, angefertigt vom Mal- und Zeichenzirkel Markneukirchen. Die Sicherheitsleute hatten Hanna Jordan nicht passieren lassen. Köhler versprach: "Ich werde mich schriftlich bei der Frau bedanken."

Wie offen und unbequem Köhlers Fragen während des Rundganges durch die Produktion bei Warwick ausfielen, blieb zumindest den Medienvertretern verborgen. Das Besuchsprogramm war stabsmäßig organisiert, von Sicherheitskräften abgesichert und durch gelb-schwarzes Absperrband in unterschiedliche Sicherheitszonen unterteilt. Zum Firmenrundgang wurden neben dem Markneukirchner Bürgermeister nur die Oberbürgermeister von Plauen, Oelsnitz und Reichenbach mitgenommen.

 

Die Landtagsabgeordneten hatten kurz vor dem Besuch durch das Landratsamt eine "Ausladung" erhalten für den Warwick-Termin. Während firmeneigene Fotografen und die Fotografen des Bundespräsidenten reichlich Fotos schossen, blieben die Pressefotografen und Journalisten hinter einem schwarz-gelben Band ausgesperrt. Lediglich für das Schulterklopfen am Arbeitsplatz von Christian Schättelich wurde der Blick kurz freigegeben. Den betörenden Duft von Kampferholz durfte der Bundepräsident samt Gattin Eva Luise dann bei Qualitätsmanager Marcus Spangler einatmen in der hochmodernen, riesigen Produktionshalle. Stolz an der Seite von Firmenchef Hans-Peter Wilfer übte sich schon mal Sohn Nicola Wilfer als künftiger Juniorchef. Der junge Mann im zarten Knabenalter gab sich weltmännisch im dunklen Mini-Anzug.

 

"Ach da sind sie ja", begüßte der Bundespräsident kurz vor Besuchsende einen Teil der Belegschaft und ermutigte die überwiegend jungen Mitarbeiter in den schwarzen Firmen T-Shirts, doch ruhig etwas näher zu kommen. Wie es denn gehe, will Köhler wissen. Man habe einen Arbeitsplatz. Jeden Monat freue man sich, wenn man wieder einen Monat länger dabei sein konnte, antwortet eine junge Frau in der ersten Reihe. Mehrfach setzt Köhler an, wendet sich an die Mitarbeiter, gibt sich volksnah und erklärt, er beiße nicht. Er ermutigt die alle, in der Heimat zu bleiben, die Chancen hier zu nutzen. Firmenchef Wilfer übergibt mit erleichterter Miene abschließend dem Bundepräsidenten einen speziall angefertigten Bass in den Farben schwarz, rot, gold.

 

In die Mitarbeitermenge kommt Bewegung, leises Gemurmel. Das war es also? Keine Wünsche offen? "Doch", gesteht eine Frau mit leiser Stimme. "Wenigstens etwas mehr Lohn könnte er zahlen." Doch das hört kaum jemand. Ob sie Redeverbot verordnet bekommen haben? "Nein." Das sei auch nicht nötig. Der Chef wusste, dass niemand sprechen würde." Wir sind die Letzten, die von möglichen Gewinnen etwas abbekommen." Diese Firmenphilosophie habe die Leitung erst jüngst wieder die Belegschaft wissen lassen. Mit dem Buch unter dem Arm, "Offen will ich sein und unbequem", das jetzt die Unterschrift des Bundespräsidenten trägt, tritt auch Markneukirchens Bürgermeister Andreas Jacob mit vielen anderen den Heimweg an.  Marlies Dähn

 

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