Gysi erntet viel Sympathie

Gut 800 zahlende Besucher lockte ein kleiner, kaum noch mit Haupthaar gesegneter, durchaus auch älter zu nennender Herr, der nur ein schlichtes Gespräch versprach, am Freitagabend in die Plauener Festhalle: Gregor Gysi.

Von Lutz Behrens

Plauen - In seiner Autobiografie "Ein Leben ist zu wenig" erinnert sich Gregor Gysi an seine Auftritte Anfang der Neunzigerjahre: "Mit Eiern wurde ich beworfen, ausgebuht, durch anhaltende Sprechchöre daran gehindert, selber das Wort zu ergreifen." Und eine Episode aus dem Wahlkampf 1990 nimmt er explizit in sein Buch auf: "An einen Mann von der CDU erinnere ich mich, der in Plauen auf dem Kundgebungsplatz stand, einen Lautsprecher aufgestellt und ein Mikrophon installiert hatte. Er begann hasserfüllte Tiraden gegen mich zu schleudern, in einer Phonstärke, gegen die ich machtlos blieb. Also stand ich und schwieg und wartete." Der Mann, so schreibt Gysi weiter, habe dann jedoch ihm gegenüber in leiserer Tonlage gesagt, er sei gleich fertig. Habe das Restprogramm seiner Hassrede noch an den Mann gebracht, packte seine Utensilien ein und sei davongefahren. Gysis Kommentar: "Da war der Beauftragte einer Störmanövertechnik unterwegs, dem sein eigenes Tun plötzlich doch peinlich geworden war." Aber in Plauen, daran erinnert sich Wolfgang Hinz, der im Vogtland von Anfang an bei der inzwischen Partei Die Linke an vorderer Stelle dabei war, musste Gysi neben lautstarken rhetorischen Attacken auch noch ganz anderes einstecken. So habe es bei einem Gysi-Auftritt im Ratssaal eine Bombendrohung gegeben, die sich wiederholte, als Gysi auf den Saal der Industrie- und Handelskammer (damals noch SED-Kreisleitung) ausgewichen war. Und Hinz erinnert sich, dass er Gysi zum Übernachten in einen Bungalow an der Talsperre Pöhl gebracht habe, weil ihm die Hotels in Plauen nicht sicher genug erschienen.
Tempi passati. Am Freitag war die Sympathie für den eloquenten, seinen Überzeugungen stets treu gebliebenen, nie starr ideologisch argumentierenden Politiker geradezu atmosphärisch spürbar; hörbar auch an teils frenetischem Zwischenbeifall und einer durchgängig (für immerhin über 90 Minuten) beeindruckenden Aufmerksamkeit für die Monologe, die der Rhetoriker Gysi hielt. 
Nur hin und wieder höflich unterbrochen vom Stichwortgeber Hans-Dieter Schütt. Der Journalist, übrigens vom gleichen Jahrgang wie Gysi, führte den Star des Abends nicht nur in dessen Funktionen als einstiger Vorsitzender der PDS, Fraktionsvorsitzender im Bundestag und inzwischen Präsident der Europäischen Linken ein, sondern apostrophierte ihn auch als einen glaubwürdigen Politiker, was manchem wie ein Widerspruch in sich vorkommen mag, bei Gysi wohl aber Berechtigung hat.
Von den schier unerschöpflichen Episoden eines bewegten Lebens, sei es der Jungfernflug Gysis als frischgebackener Pilot mit Lothar Bisky, der beeindruckenden Ahnentafel mit einer Tante als Literaturnobelpreisträgerin, russischen Millionären (die vom Zaren enteignet wurden) oder einem Mann, der den ersten Geflügelzüchterverein Deutschlands gründete, bleiben die klugen, philosophisch zu nennenden und vernünftigen Erkenntnisse vor allem haften. So zum Beispiel, dass Kultur immer der staatlichen Subvention bedarf, damit "auch das vierte Kind einer alleinerziehenden Harzt-IV-Empfängerin ein Konzert mit Daniel Barenboim im Boulez-Saal in Berlin besuchen kann". 
Gregor Gysi verfügt über die beneidenswerte Fähigkeit, höchst abstrakte, komplizierte Sachverhalte so verständlich zu machen, dass selbst ein mit "fundierter Halbbildung ausgerüsteter Journalist", wie Herbert Riehl-Heyse einst seine Berufsgruppe beschrieb, mitkommen kann. 
Nicht unerwähnt darf bleiben, dass sich Gysi einst fürs Jurastudium entschied, weil ihm die Ehefrau des DDR-Juristen Friedrich Wolf freundlich erklärte, dies sei ein "Studium für Doofe". Das sei ihm entgegengekommen, so der spätere Rechtsanwalt Gysi, und er habe diese Entscheidung nie bereut.
Am Ende der Veranstaltung drohte Schütt damit, dass nun Gysi noch Vor- und Nachwort seiner Autobiografie vorlesen werde. Das Entsetzen darüber legte sich rasch, als sich herausstellte, dass beide Texte nur aus jeweils einem Satz bestehen. Im Epilog lautete der: "Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen." Und das erklärte Gysi unnachahmlich so: Nimm im Alter die Privilegien an; sage nicht, dass du deine Tasche selbst trägst, will sie dir ein Jüngerer abnehmen, sondern lass ihn auch noch deinen Koffer schleppen. Zweitens: vererbe nichts! Erfülle dir deine Wünsche, solange du das noch kannst. Und schließlich der Rat an die Älteren: Redet nicht immer nur über Krankheiten. Davon wird man nicht gesund.