Gutachter: Würger von Trieb schuldig

Melker Rainer D., der zwei Arbeitskolleginnen des Milchgutes Trieb fast erwürgte, ist für beide Taten voll schuldfähig. Angeklagt ist der Melker des zweifachen versuchten Mordes. Allerdings widerspricht das aktuelle Gutachten einem bereits 24 Jahre zurückliegenden.

Zwickau/Trieb - Volle Schuldfähigkeit bescheinigte Gutachter Stephan Sutarski dem Gericht. Demnach hat der 50-Jährige, als er in der Nacht zum 11. Februar zuerst eine Kollegin und anschließend seine Chefin würgte, weder im Affekt gehandelt, noch liegt eine andere Störung vor, die seine Steuerungsfähigkeit eingeschränkt haben könnte. Damit könnte der Mann, der bis zu seiner Festnahme im Februar als Melker im Milchgut Triebtal arbeitete, wegen versuchten Mordes verurteilt werden. Genau diese Analyse des Gutachters stellt das Schwurgericht jedoch vor ein Problem, denn es gibt ein 24 Jahre altes Urteil, das sich auf eine verminderte Schuldfähigkeit beruft.

Rainer D. sitzt nicht zum ersten Mal auf der Anklagebank und auch seine Hände hat er schon als Waffe missbraucht. Im Januar 1990 hatte er die Frau seines Freundes erwürgt. Dafür war er vom damaligen Bezirksgericht Chemnitz 1991 zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, von denen er sieben Jahre in Waldheim absaß.

Damals allerdings hatte ihm ein Sachverständiger unter anderem eine Borderlinestörung bescheinigt. Ohne diese Diagnose hätte er möglicherweise für Mord lebenslänglich bekommen. Bei dem Angeklagten konnte Stephan Sutarski, der ihn mit einem Kollegen begutachtet hatte, im Jahr 2014 weder eine Borderlinestörung noch einen anderen Defekt feststellen, der die Tat begünstig haben könnte. Damit könnte Rainer D. nach der Höchststrafe für versuchten Mord bestraft werden. Dazu müsste das Schwurgericht jedoch eine sehr gute Erklärung ins Urteil schreiben, wo die Borderlinestörung, die vor 24 Jahren zur Schuldminderung führte abgeblieben ist - oder beweisen, dass es sie damals gar nicht gab. Und genau damit tun sich Gutachter und Gericht schwer.

Zumal D. lediglich während seiner Haftzeit an Therapiegesprächen teilgenommen hatte. Richtig behandelt wurde er offenbar nie. Gutachter Sutarski warnte jedoch davor, die beiden Fälle direkt zu vergleichen. Auch der Grund für den Angriff auf die Melkerin Elke B. ist für die Richter noch ein Rätsel. Die Aussage von Rainer D., dass er die 54-jährige Kollegin nur erschrecken wollte, nehmen sie ihm nicht ab. Zumal er bei der Polizei ausgesagt hatte, dass er beide Frauen habe umbringen wollen. Der Angeklagte bezieht sich auf eine Auseinandersetzung mit der Kollegin, die in sehr geärgert habe. Allerdings habe ihn das Streitthema gar nicht betroffen, wie Elke B. aussagte, sondern die Mitarbeiter in einer anderen Schicht. Zudem sei es kein Streit gewesen, sondern eine Meinungsverschiedenheit, die in Ruhe geklärt worden sei.

Rainer D. bleibt dabei: Das schlechte Betriebsklima habe ihn sehr belastet. Nachdem er bei Elke B. von seiner Tat ablassen musste, sei er bereits auf dem Weg nach Zwickau gewesen, um sich der Polizei zu stellen. Als er durch Trieb fuhr, sei ihm plötzlich klar geworden, dass das eigentliche Problem, die aus seiner Sicht arrogante Chefin, die ihn tyrannisiert habe, noch immer lebte. Sein damaliger Gedanke: "Räum die weg, dann weißt Du, warum Du sitzt".

Gewürgte Chefin in Lebensgefahr

Schließlich würgte er auch Nicole A. in ihrem Büro. Wie die Gerichtsmedizinerin am Montag aussagte, war die junge Frau dabei in akuter Lebensgefahr. Auch die Lebensgeschichte des Angeklagten kam zur Sprache. Schon in seiner Kindheit konnte Rainer D. kaum Selbstvertrauen entwickeln. Sein Vater habe keine Gelegenheit ausgelassen, ihn auch öffentlich zu züchtigen. Der Umgang mit Gleichaltrigen war ihm verboten worden und daher gelang es dem Jungen nicht, soziale Kontakte aufzubauen. Das fällt ihm bis heute schwer. Nachdem der Vater weg war, habe er mit seiner Mutter oft stundenlang Operetten und Volksmusik hören müssen, solange bis ihm die Musik selbst gefiel. Das kam bei seinen Altersgenossen nicht gut an. Und auch später scheiterten diverse Versuche, Frauen über Partnervermittlungen zu finden. Während seiner Lehrzeit fand Rainer D. einen Freund.

Als dieser später ein Mädchen kennenlernte und dieses heiratet, verliebte sich der junge Melker prompt in die Frau. Obwohl er sich ihr nie offenbarte und sie ihm offenbar nie Hoffnungen gemacht hatte, staute sich die Eifersucht in dem Mann auf. Als sein Freund zur Armee musste, nahm er die Rolle eines "Zweitmannes" ein und kontrollierte die Frau, die allein in der Wohnung in Christgrün lebte. Als Rainer D. eines Abends durch das Fenster sah, dass mehrere Männer bei ihr zu Besuch waren, brannten bei ihm die Sicherungen durch. Er stieg durch das Fenster und erwürgte die Mutter seines Patenkindes in ihrem eigenen Bett. Am Donnerstag wird das Urteil erwartet. Frank Dörfelt