Gut gedacht, schlecht gemacht

In die Kitas kehrt ab Montag der gewohnte Alltag zurück - unter vom Freistaat vorgegebenen Regelungen, die für die Verantwortlichen vor Ort der Quadratur des Kreises ähneln.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Die gute Nachricht zuerst: Ab kommenden Montag öffnen alle 23 in kommunaler Trägerschaft befindlichen Krippen, Horte und Kindergärten. Allerdings mit teilweise drastischen Einschränkungen hinsichtlich der Öffnungszeiten. Und einem vom Freistaat vorgegebenen Konzept, das die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung vor enorme Probleme stellt.
Natürlich freue man sich über die Lockerungen, sagt Kulturbürgermeister Steffen Zenner im Gespräch. Diese "erhellenden Lichtblicke" seien seitens der Landesregierung sicher gut gedacht, "handwerklich aber sehr unvollkommen". Noch deutlichere, sehr emotionale, Worte findet der Fachbereichsleiter Soziales, Lutz Schäfer, der das, was ab Montag in den Kitas funktionieren soll, als "persönliches Drama" bezeichnet. "Wir sollen zur Verfügung stellen, was nicht zur Verfügung gestellt werden kann." Anders gesagt: In den Einrichtungen sollen möglichst kleinere Gruppen gebildet werden mit Personal, was schon vor Corona hinten und vorn nicht reichte.
Jede Einrichtung wird nur verkürzt öffnen, Betreuungsverträge über die volle Stundenzahl sind nicht möglich - obgleich genau genommen von den Eltern einklagbar. Viele Einrichtungen öffnen zwischen 7.30 und 15.30 Uhr. Die jeweils genauen Öffnungszeiten werden an den Einrichtungen ausgehängt oder über Elternbriefe kommuniziert. Die Bedingungen, unter denen der so genannte "eingeschränkte Regelbetrieb" erfolgt, will die Verwaltung ebenfalls für alle Eltern ins Netz stellen.
Man sei vor allem hinsichtlich der kürzeren Öffnungszeiten nun auf die Solidargemeinschaft von Eltern, Einrichtungen und Unternehmen angewiesen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht zur gewohnten Zeit in die Kita bringen oder auch abholen könnten, sollte dies der Arbeitgeber möglichst im Dienstplan berücksichtigen, appelliert Schäfer.
In einer Kita alle Kinder zu konzentrieren, deren Eltern einen früheren Arbeitsbeginn haben, sei leider auch keine Lösung - dafür fehlt schlichtweg das Personal.
Doch was wäre die Lösung gewesen? "Uns geht die Öffnung nicht weit genug, weil sie allen Betroffenen mehr Kraft abverlangt als der normale Regelbetrieb. Zumal auch die Grundschulen wieder komplett geöffnet werden", sagt Bürgermeister Zenner. Was jetzt "von oben" vorgegeben wird sei so, als würde man aus einem Stahlträgerkonstrukt ein Stück rausschneiden in der Hoffnung, dass es hält, fügt er an. Mehr noch: Die jetzigen Regelungen könnten Auswirkungen auf die Stimmung in den Kommunen haben. "Es ist ein hoher Preis, den wir da zahlen."
Vor allem aber kritisieren beide das zu kurze Zeitfenster. Der Übergang von der so genannten Notbetreuung zu den (theoretisch) normalen Öffnungszeiten, einschließlich der strengen Hygieneregeln, sei in wenigen Tagen kaum zu schaffen. Was die Erzieherinnen vor Ort derzeit leisten, sei nicht mit einem einfachen "Danke" auszudrücken. Die stehen an vorderster Front, müssen sich um alles kümmern, sagt Schäfer.
Erster Grundsatz sei derzeit, Infektionen in den Einrichtungen zu vermeiden beziehungsweise Infektionsketten zurück zu verfolgen. Der zweite: Sorge zu tragen für die Betreuung von möglichst vielen Kindern. Das wiederum heißt: Je größer die Gruppe, desto höher das Risiko einer Infektion, in deren Folge Kinder und Erzieherin in Quarantäne gehen und die Eltern natürlich auch der Arbeit fernbleiben müssten. Den Hinweis des sächsischen Kultusministers, kleine Gruppen zu bilden, versteht Zenner denn auch als "netten theoretischen Hinweis" - die Ironie ist nicht zu überhören. Denn dass der Betreuerschlüssel selbst "ohne Corona" nicht passt, ist beileibe kein Geheimnis.
Nicht ganz so schwierig gestaltet sich die Situation in den Horten. Bei einigen übernimmt die Schule den Frühdienst. Doch auch hier wird die Grundmisere deutlich: 20 Kinder werden von rechnerisch nicht mal einer Erzieherin betreut. Dazu kommt das so genannte Risikopersonal, mögliche "normale" Erkrankungen und bald schon die Urlaubszeit - Faktoren, die den Personalbestand zusätzlich reduzieren. "Wenn nur eine Fachkraft ausfällt, stürzt das gesamte System zusammen", fürchtet Schäfer.
Der ebenfalls erforderliche Rahmenhygieneplan bereite nicht mal das größte Kopfzerbrechen, obwohl auch er enormes Geld koste, sagt Schäfer. Besagter Plan beinhaltet beispielsweise ausreichend Seifenspender, Einweghandtücher, das tägliche Reinigen der Tische, Türklinken, Fenstergriffe und anderer Flächen. Über Details, dass Erzieher auch mal eine Pause brauchen und die Vertretung dann quasi von einer anderen Gruppe käme (was eigentlich untersagt ist) will er lieber gar nicht erst sprechen.
Ebenfalls nicht zulässig sind auch so genannte offene Konzepte, die an nahezu allen Plauener Einrichtungen üblich sind. Will heißen: die Kinder können alle Räume einer Einrichtung nutzen. Nun aber findet die Betreuung ausschließlich in verschiedenen Räumen statt, die Gruppenzahl richtet sich nach der Raumgröße. Was wiederum bedeutet, dass Gruppen neu gebildet werden müssen, Kinder zumindest auf Zeit ihre Spielfreunde verlieren. "Wir dürfen keine Verwahranstalt werden", kommentiert Schäfer.
Viele Theoretiker und wenige Praktiker haben ein Konzept im Sinne des Virus erarbeitet, kritisiert Zenner, dem es aber ebenso wichtig ist, keine Generalschelte an der sächsischen Regierung zu üben. "In vielen Fällen gab es eine durchaus gute Hilfestellung und vor allem im CDU-Landtagsabgeordneten Sören Voigt habe man stets einen guten Ansprechpartner.
Was beiden am Herzen liegt: Die Eltern sollten möglichen Frust nicht an den Erzieherinnen ablassen. Zudem hätten viele in den letzten Wochen festgestellt, das Erzieher ja ein "richtiger Beruf" sei - der freilich auch entsprechend entlohnt werden müsse, womit sich letztendlich auch der Personalschlüssel verbessern würde.
Die Leiterin der Kita "Pusteblume", Elke Ordnung-Poser, hat dieser Tage Mails an Menschen gesandt, mit denen sie sonst persönlich eher wenig zu tun hat. Die eine richtete sie an Ministerpräsident Michael Kretschmer, in dem sie einfach mal ihre Hochachtung vor dem Geleisteten der letzten Wochen ausdrücken wollte, wie sie selbst sagt.
Die zweite Mail ging an das Kultusministerium und enthielt Fragen, die sich ihr täglich stellen. Zwei Kolleginnen ihrer Einrichtung gehören zur Risikogruppe, ein personeller Ersatz aber sei ungeklärt. Weiterer Kritikpunkt: Lehrer können sich ab 1. Juni freiwillig testen lassen, für Erzieher mit direktem Körperkontakt zu den Kindern sei dies lediglich angedacht. Zudem müsse es flexible Lösungen für die Neueinstellung von Fachpersonal geben. "Ich kann nicht eine Erzieherin mit 23 Kindern allein lassen", konkretisiert Frau Ordnung-Poser das Problem. In der "Pusteblume" wurde inzwischen der Garten parzelliert, verschiedene Spielbereiche geschaffen, um die Kinder draußen wie drinnen zu beschäftigen. Ihr Team, so die Chefin, sei absolut engagiert.
"Für mich liegt da ein Segen drauf", fügt die Leiterin der evangelischen Kita an. "Aber schreiben Sie das besser nicht, das klingt vielleicht zu pathetisch".