Gülleorgel und Duett mit dem Abflussrohr

Stelzen - Wenn die Lanz endlich tuckert, die Murmel ihre Bahn weit oberhalb der Köpfe des Publikums dreht und der Ackerpflug sich scheinbar durch den steinigen Acker kämpft, dann, ja dann befindet man sich zweifellos inmitten der Landmaschinensinfonie in Stelzen.

Wo gibt es heute noch Schlangestehen? Auf jeden Fall in Stelzen, wenn es über eintausend Besucher von Hamburg bis München, Plauen bis Gera in die wohl größte Rundholzhalle im Lande zieht, um sich einem visuellen und akustischen, auf jeden Fall stets originellen Genuss hinzugeben. Eine halbe Stunde später, kurz nach 22 Uhr war es am vergangenen Freitag, als Henry Schneider, Festspieldirektor und Gewandhausbratscher, dem erwartungsvollen Publikum in seinen Begrüßungsworten bescheinigte, dass auch diesmal bei allen Beteiligten, denen er danken wolle, eimerweise Schweiß geflossen und Nerven gelassen wurden bis zu diesem Abend. Die Akteure aber zeigten sich voller Energie und Hingabe auf der Bühne.

Mit Pferd und Pflug rückt Bauer Siegfried Zapf dem Acker zu Leibe, im Kurzfilm an der Leinwand. "Weiter, komm", redete er auf das Tier ein. "Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp", klang es indes von Thomas Stahr, Gareth Lubbe, Erwin Stache, Mike Svoboda und Henry Schneider instrumental. Kathrin Göring, den Melkschemel umgeschnallt, versucht sich singend im Melken, und Heini Scheibe im zweiten Kurzfilm mit dem Spaten auf dem Feld. Es klingt die Murmel, ihrer Bahn drehend bis zum Fall, es klingt im Farbenzauber die Gülleorgel. Dann ist für die Stelzener Bergbauern Holzsägen und Holzhacken angesagt. Schneller, schneller, kommandiert Schneider. Im Duett schmachten sich jetzt Gerald Kaiser und Kathrin Göring italienisch singend an.

Mike Svoboda, der Virtuose aus Tübingen, ruft das Publikum dann zum Duett mit dem Abflussrohr. Mit japanischen Tönen und Schnipsen. Dann wären da noch die Hometrainer, auf denen die Sinfoniker je nach Takt von beschwerlich bis beschwingt strampeln. "Des macht du net" und "Des geht aber ratzfatz", scheinen hernach Kanne, Tasse und Glas, betätigt von Erwin Stache und Henry Schneider, zu sprechen. Mit "O sole mio" singt sich Gerald Kaiser, der beliebte Tenor in Stelzen, geradewegs in die Herzen des Publikum, bevor das Geigenorchester aus Stelzen bewies, dass eigentlich jeder musizieren kann. Zum Finale bringt Marcel Patsch die Lanz zum Glühen und endlich zum Tuckern.

Applaus und Sonnenblumen für die Akteure, bevor Sprengmeisters Nachtgesang ruft. Paul Fröhlich aus Leipzig bringt den Himmel gewaltig zum Funkeln und Gunther Haußknecht den Dudelsack zum Glühen. Jetzt fühlt sich auch der letzte Besucher angekommen bei den Stelzenfestspielen.     Simone Zeh