Grundschule Reusa Fass ohne Boden?

Plauen - Nein, sie waren nicht gezwungen, den Boten der schlechten Nachricht zu steinigen. Der Chef selbst war erschienen, um den Mitgliedern des Finanzausschusses am Donnerstag reinen Wein einzuschenken bezüglich der Mehrkosten bei der Sanierung der Reusaer Grundschule.

 

Nicht das erste Mal musste Prof. Dr. Wolfgang Kühn vom Architekturbüro delta plan den Canossagang antreten, um die deutlich höheren Kosten zu begründen. Erst im Mai stand er vor dem gleichen Gremium Rede und Anwtwort, versprach nach der teilweise hitzig und wohl auch teilweise unsachlich geführten Diskussion, auch die Stadträte am 26. August über den Sachstand zu informieren. Ein drittes Mal, so der Experte, sichtlich angeschlagen von der Streitkultur im Finanzausschuss, werde er wohl nicht antraben müssen. Ein Versprechen, die Kosten nicht weiter explodieren zu lassen.

Rohbaufirma gekündigt

In der Tat scheint die Sanierung der Grundschule ein finanzielles Fass ohne Boden. Bereits im Frühjahr mussten zu den geplanten Kosten von rund 2,7 Millionen Euro überplanmäßige Haushaltsmittel in Höhe von 375 000 Euro bereitgestellt werden, am Donnerstag nun weitere 270 000. Kämmerin Ute Goebel fasste in einem Satz das Ausmaß zusammen. "Wir vergraben jetzt die kommunalen Eigenanteile von drei Schulen, zuzüglich Mitteln aus der Rücklage."

Da konnte sich auch der Chef der Gebäude- und Anlagenverwaltung (GAV), Peter vom Hagen, lediglich nur in Schadensbegrenzung üben. Mehr Probleme als im Mai ersichtlich habe es seither gegeben, weshalb der Schulbetrieb momentan weiter in einem Provisorium stattfinden müsse. Vom Hagen merkte an, dass die anfangs beauftragte Rohbaufirma derart schludrig gearbeitet habe, dass eine Kündigung unausweichlich war. Bis dahin waren bereits Leistungen von 600 000 Euro erbracht, obwohl der Bauauftrag nur 460 000 Euro auswies. Mit anderen Worten: Es waren bereits zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Nachbesserungen nötig. Besonders im Bereich des Aufzuges sei die Firma wohl überfordert gewesen, so der GAV-Chef und avisierte für die Zukunft auch einen Rechtsstreit mit dem Unternehmen.

Schulbeginn nach Ferien

Der aktuelle Baustand weist drei fertig gestellte Außenfassaden, inklusive Vollwärmeschutz aus. Im Inneren will man bis Ende August mit den zwei Obergeschossen fertig sein, bis Ende September mit sämtlichen maßgeblichen Bauleistungen. Danach, während der Herbstferien, könne die Schule dann möbliert werden, damit anschließend der Unterricht wieder gewährleistet ist. Auf keinen Fall bis dahin realisiert sein werde der Aufzug und die Außenanlagen, so der GAV-Chef abschließend. Dann war Prof. Kühn an der Reihe. Er listete detailliert auf, für welche Baumaßnahmen ein höherer Aufwand erforderlich war - beispielsweise, fand man wesentlich mehr teerhaltige Fußböden als angenommen, die Bodenklassen erwiesen sich als deutlich schlechter als bei den anfänglichen stichprobenartigen Bohrungen.

Ausschreibungsprozedere

Allein die baulichen Mehrkosten beliefen sich dadurch auf 225 000 Euro. Weitere 45 000 Euro kamen durch das Ausschreibungsprozedere zustande. Um heimische Firmen vorrangig mit Aufträgen zu versehen, galt die Form einer beschränkten Ausschreibung. Die freilich hat ihre Tücken. Entweder es melden sich nur wenige Firmen, oder aber die veranschlagten Kosten für die einzelnen Gewerke erweisen sich als zu niedrig angesetzt, weil man eben nicht auf den bundesweit preiswertesten Partner zurückgreifen kann. Die logische Frage, ob das nicht schon im Mai deutlich gewesen wäre, beantwortete Kühn auch gleich selbst. Zum einen lagen die Ausschreibungsergebnisse noch nicht vor, zum anderen waren auch die Bauleistungen erst zu 40 Prozent abgerechnet.

Unseriös geplant?

Etwas Öl aus dem sich ausbreitenden verbalen Feuer versuchte Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer zu nehmen. Die Kosten wären auch dann aufgetreten, hätte man im Vorfeld genauer geprüft, argumentierte er. Gleichzeitig verwies er darauf, dass nun Mittel den Bach runtergingen, die als Eigenanteile für andere schulische Baumaßnahmen geplant waren - einhergehend mit niedrigerer Förderung seitens des Landes.

Die Crux im Fall der Grundschule: Genau genommen wird das Projekt, selbst unter Berücksichtigung der gewaltigen Mehrkosten, billiger als "normal". Weil die Förderung zeitweise bei bis zu 80 Prozent lag, die Kommune aber nur von 50 Prozent ausgegangen war. Kein Trost für viele Ausschussmitglieder. Ich akzeptiere die Nachforderungen in jedem zweiten Ausschuss nicht mehr", so Stadtrat Thomas Fiedler (CDU) empört. Er bezeichnete die Planungen als unseriös und wollte von Prof. Kühn wissen, welche Summe der aus seiner Privatschatulle an die Stadt zurückgeben werde. Der blieb erstaunlich sachlich und verwies darauf, dass er durchaus bereit sei, die Verantwortung zu tragen. "Sonst hätte ich einen Mitarbeiter geschickt." Eine Kostenüberschreitung von zwölf Prozent sei zwar weiß Gott nicht schön, aber auch nicht unnormal. Was auch Anwalt Fiedler wissen dürfte: Erst ab 20 Prozent Mehrkosten kann der Architekt zur Verantwortung gezogen werden.

Sicher nicht zu Unrecht verwies Kühn darauf, dass die baulichen Untersuchungen einschließlich der Bohrungen und Deckenprüfungen bei vollem Schulbetrieb stattfinden mussten. Ein gewisses Verständnis für die Malaise zeigte Dieter Rappenhöner (Grüne), der aus eigenem beruflichen Erleben weiß, wie "abenteuerlich" sich manche Planungen gestalten. Allerdings müsse bei einer Generalsanierung auch präzise geplant werden.

Oberwasser für Zweifler

Bernd Stubenrauch (SPD) bezeichnete den Großteil der Mehrkosten als realistisch, während Hansjoachim Weiß (CDU) angesichts des Mehraufwandes nach eigenem Bekunden "übel wird". Weiß sieht vor allem moralischen Schaden, da seiner Ansicht nach die Bedenkenträger - auch hinsichtlich der tatsächlichen Kosten des künftigen Landratsamtes - wieder Oberwasser bekämen.

Der Chef der Wohnungsbaugesellschaft (WbG), Hellfried Unglaub, plädierte dafür, Risiken vorab besser zu bewerten, sich aber ansonsten auch von vornherein darauf zu verständigen, auf welchem Standard man bauen wolle. Solle dies wie im Falle der Grundschule Reusa auf hohem Niveau geschehen, dann verursache das auch entsprechende Kosten. Am Ende der ausführlichen Diskussion wurden die erforderlichen 270 000 Euro von den Ausschussmitgliedern bewilligt, bei Stimmenthaltung der Stadträte Weiß und Fiedler (CDU).