"Grüße aus Warschau ins Vogtland"

Wegen der Coronakrise ist eine Plauener Familie getrennt. Grund sind die geschlossenen Grenzen zu Polen. Die Enkel vermissen Oma und Opa - und natürlich auch umgekehrt.

Von Karsten Repert

Der Plauener Sascha Brand (37) lebt in Polen. Das Nachbarland besuchen konnte man früher als DDR-Bürger nur mit Einreisegenehmigung. Opa Gunther Brand hat diese Zeit noch erlebt. Jetzt fühlt sich der 65-Jährige um mehr als drei Jahrzehnte zurückversetzt. Denn Gunther ist in Schloditz bei Plauen zu Hause. Die Enkel in Warschau besuchen, das ist im Augenblick unmöglich. "Wenigstens gibt es im Vergleich zu früher heute tolle technische Möglichkeiten, sodass wir uns per Videochat sehen und miteinander sprechen können. Aber ein wirklicher Trost ist das für uns nicht", berichten Oma und Opa. Gunther ist gerade aus dem Berufsleben ausgestiegen. Jetzt hat der Ruheständler zum ersten Mal wirklich Zeit. Und dann das...
Mehrere Wochen Coronastillstand hat das Vogtland nun hinter sich. Aber was kommt? Wie geht's nun weiter? Gibt es den erhofften "Sommereffekt"? Mediziner und Virologen verstehen darunter ein Abebben der Infektionszahlen, ähnlich der klassischen Influenza. Die Grippesaison ist jetzt am abklingen. Mit dem Coronavirus hat die Welt jedoch noch keine Erfahrungen sammeln können, weshalb selbst die Expertenmeinungen auseinander gehen. Noch traut man dem "Frieden" nicht. Auch wenn die Infektionszahlen nicht mehr vor Dramatik strotzen. Im Nachbarland Polen jedenfalls gibt es aktuell ebenfalls nur leichte Lockerungen. "Parks und Wälder dürfen wir wieder betreten. Die Maskenpflicht gilt im gesamten öffentlichen Raum bis auf weiteres. Schulen und Kitas sind bis mindestens 24. Mai in Polen geschlossen." So berichtet es Familie Brand aus Warschau. Sascha arbeitet in der Hauptstadt bei Samsung. Von den knapp 2.000 Angestellten dort ist der Großteil im Homeoffice. "Ich arbeite seit sechs Wochen von zu Hause aus. Wir bleiben daheim und versuchen, uns zu arrangieren", schreibt Sascha. Der 37-Jährige ist als deutscher Qualitätstester im Samsung-Entwicklungszentrum mit dem Sprachassistent Bixby beschäftigt.
Weshalb lebt ein Plauener in Warschau? Diese Liebesgeschichte begann in Klingenthal. Nach dem Bau der Großschanze am Schwarzberg gastierte der Skisprung-Weltcup immer wieder in der Region. Und so kamen in der Sparkasse Vogtland-Arena auch die Journalisten aus aller Welt zusammen. Die Pressesprecher vor Ort hießen Sascha und Gunther Brand. Sie wurden im Jahr 2008 und 2014 von der Journalistenvereinigung Forum Nordicum als medienfreundlichster Weltcupveranstalter im Skispringen ausgezeichnet. Die Wahl wurde vom Skiweltverband FIS durchgeführt. Mit vor Ort in Klingenthal war auch die polnische Journalistin Joanna Wyciszkiewicz. Sie lernte so Sascha kennen und lieben, nahm ihn mit nach Warschau und Gunther Brand wurde Opa. Das ist die Kurzform einer wunderbaren Romanze, die im Augenblick für alle Beteiligten zur Belastung geworden ist."Wir hatten uns das alles so schön vorgestellt. Endlich haben Oma und Opa genug Zeit und sie können ein paar Tage länger bleiben", trauert Sascha. Die Situation bewertet er im Vergleich zu Deutschland eher noch ein wenig schärfer. Große Beschränkungen gibt es in Warschau für Supermärkte. "Da steht man mitunter eine Stunde an um reinzukommen." Für die Gastronomie, die Tourismusbranche und die Dienstleister ist die Situation ähnlich dramatisch wie in Deutschland. "Und die Grenzöffnung steht völlig in den Sternen", schreibt Sascha und schließt mit den Zeilen: "Liebe Grüße aus Warschau ins Vogtland!" Hoffentlich dürfen sich die Brands bald wieder sehen.