Grünes Band und seine Chancen

Die ersten, welche durch die Seiten blättern, sind Wind und Regen. Die druckfrische Broschüre "Das Grüne Band im Vogtlandkreis" musste bei der Premiere Mittwochmorgen einiges aushalten - genauso wie die Gästeschar.

Von Renate Wöllner

Der neue, attraktiv gestaltete Info-Pavillon am Dorfplatz von Posseck, ein Wanderrastplatz mit großer Landkarte, ist nach allen Seiten offen. Seit sich vor 30 Jahren für das Grenzdorf der Eiserne Vorhang zwischen den beiden deutschen Staaten öffnete, ist viel geschehen. Durch engagierte Naturschutzarbeit entstand entlang des ehemaligen Grenzstreifens das größte Naturschutzgebiet Deutschlands, das Grüne Band. Sein sächsischer Teil findet sich vollständig im Vogtlandkreis. Die neue Broschüre, herausgegeben vom Landratsamt, stellte Thomas Findeis von der Unteren Naturschutzbehörde mit Unterstützern und den Bürgermeistern der drei anliegenden Gemeinden vor, die Zuarbeit leisteten. Vorgestellt werden die Entwicklung, Elemente und touristischen Höhepunkte des Grünen Bandes mit seiner wertvollen Flora und Fauna. Orientierung soll vermittelt, Gedenken ermöglicht werden. Die Ortsteilfotos hat Peter Stehr vom Team Freizeit und Tourismus Regnitzlosau beigesteuert. 3500 Exemplare liegen an den üblichen Punkten aus.
Für Ilona Groß, die Bürgermeisterin der Gemeinde Triebel, ist das Werk "ein zusätzlicher Baustein für Posseck, Tourismus- und Heimatpflege". Glücklich schätzt sich Groß über die Ehrenamtlichen im Dorf, "die immer da sind, wenn man sie braucht". So habe Dietmar Kühn, der ehemalige Aproha-Vorsitzende im Ruhestand, viele Initiativen für das Dorf ergriffen. Traditionen, wie Maibaumstellen oder Osterbrunnen schmücken wurden belebt, Glanzpunkte geschaffen, wie der neue Wanderrastplatz, der am 13. Juni, zur Grenzlandwanderung offiziell eingeweiht werden soll. Gastfreundschaft genießt die Runde beim Heimatverein Posseck in der Hagerscheune. Vorsitzender Rudolf Schwab und seine Ehefrau laden an den Kaffeetisch neben dem bullernden Ofen. Die Gäste sitzen inmitten einer Ausstellung von prägnanten Dorfhäusern, darunter dem einst ältesten (Fachwerk)Haus des Vogtlands, die alle eint, dass sie vom Erdboden verschwunden sind. Gebaut hat die maßstabsgetreuen Modelle Dietmar Kühn. Der Verein hat die ehemalige Rittergutsscheune in Erbpacht übernommen und einschließlich Vorplatz ausgebaut. Ihren Namen hat sie vom letzten Bewohner, Busfahrer Hardy Hager, erzählt Schwab. Ein großes Problem vis á vis ist das "Schloss" genannte Herrenhaus, einst von der Gemeinde aus Geldmangel verkauft, seit Jahren dem fortschreitenden Verfall preisgegeben.
Ilona Groß will den Blick nach vorn richten. "Wir brauchen im Dorf junge Leute, die hier leben", spricht sie ein Thema an, dass den ländlichen Gemeinden auf den Nägeln brennt. "Wir haben das Potential, um etwas auf die Beine zu stellen", sagt sie. Erfolglos kämpfe man bei leerstehenden Gebäuden im Besitz von Erbgemeinschaften, "wo sich nix tut". Seit 1990 habe sich vieles zum Positiven verändert, "doch die Dörfer wurden zu reinen Wohnstandorten zurückgestuft", legt Dezernent Lars Beck den Finger in die Wunde. Tourismus sei eine Ergänzung, könne aber den Gemeinden nicht allein Perspektiven schaffen, meint er. Beck wendet sich gegen "überzogene Kritik" an infrastrukturellen Projekten wie Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Als Beispiel moderner Standortpolitik führt er das Hofgut Eichigt an, wo entlang der ehemaligen Grenze der größte Öko-Betrieb Westeuropas wächst.
Mut machen will Steffen Raab, Bürgermeister von Weischlitz, trotzdem "den positiv Verrückten". Er erlebe in den Ortsteilen immer wieder eine "Wellenbewegung" beim Zustrom junger Leute. "Geduld, 40 Jahre Grenzgebiet drehen wir nicht zurück", mahnt er. Hemmnisse sieht er im komplizierten Baurecht. Stichwort Barrierefreiheit. "Eine Rampe zu 50.000 Euro für ein Wirtshaus, wo ein Treppenlift genüge, wer tut sich das an?", stellt er zum Thema Gasthaus-Sterben in den Raum. "Es gibt noch Reserven im ländlichen Raum, was Tourismus betrifft", pflichtet er Heike Löffler vom Fremdenverkehrsverband Rosenbach bei.
Auf Optimismus und die regionalen Kreisläufe setzt auch sein Eichigter Amtskollege Christoph Stölzel. "Habt Mut, auch für einen Schlachthof", ruft er dem Hofgut in Eichigt zu. Das will die Gemeinde positiv begleiten. Zur Forderung, sich im Grenzgebiet mit Tschechien besser zu vernetzen, verweist Stölzel auf den kompletten Ausbau der Scheune "Dreiländereck" in Ebmath als neuem Zentrum der Begegnung.
Ein hochangebundenes Ziel thematisiert Thomas Findeis. Das Grüne Band soll Unesco-Kultur- und Naturerbe werden. Eine Machbarkeitsstudie ist Grundlage des Projekts, das jedoch Konkurrenz durch viele weitere deutsche Vorhaben hat.