Grüne sind gewohnt, sich zu reiben

"Ich finde Plauen toll, weil hier das Leben so dahinplätschert", sagt der Spitzenkandidat der Bündnisgrünen für den Stadtrat, Oliver Bittmann. Dass er dies durchaus positiv meint, begründet er im Gespräch.

Plauen - Die klare Ansage zuerst: "Zweistellig. Logisch." antwortet Oliver Bittmann, auf die Frage nach dem erhofften Wahlergebnis der Grünen in Plauen und dem Vogtland. Und dann möchte er das mit dem "dahinplätschernden Leben" in Plauen doch lieber erklären, damit es niemand in die falsche Kehle bekommt. Bittmann ist in Mexiko-City groß geworden - mag sich jeder selbst ausrechnen, wieviel mal größer der Moloch in Mittelamerika ist - und lebte später in Stutttgart. Das hört man noch. Ein bisschen. Und natürlich haben beide Städte viel gravierendere Probleme als Plauen - was man aus Plauener Sicht möglicherweise manchmal übersieht. 

Plauen ist liebenswert

Nein, die Stadt ist liebenswert und darauf sei letztlich auch das Programm der Grünen ausgerichtet. "Die Jugend verlässt die Stadt wegen besserer Jobs", weiß Bittmann aus persönlicher Erfahrung. Seine "Große" arbeitet als Ärztin in Chemnitz, die zweite Tochter seiner insgesamt vier Kinder als Grundschullehrerin in Erfurt. "Die kommen wohl beide nicht zurück und das finde ich bedauerlich." Man müsse also versuchen, die jungen Leute in der Stadt zu halten - durch den Ausbau der Berufsakademie, die Stärkung der Jugenzentrren, die Schaffung attraktiver Jobs. Und irgendwie hat alles mit allem zu tun: Aus dem einstigen Polizeipräsidium Plauen wurde ein Polizeirevier, das Landgericht siedelte nach Zwickau über, in Plauen verblieb lediglich ein Amtsgericht. Andere Behörden folgten oder existierten gar nicht erst in Plauen. Der umgekehrte Weg, sagt Rechtsanwalt Bittmann, sei der richtige: Bundesbehörden in die Stadt holen, damit das Leben pulsierender, vielfältiger werde. Nicht anders verhalte es sich mit höheren Bildungs- oder Forschungseinrichtungen. Plauener Unternehmen vergeben Aufträge an das Fraunhofer-Institut, weshalb dann keines wenigstens im Vogtland ansiedeln? Denn der Landkreis, ist Bittmann, der auch im Kreistag sitzt, überzeugt, darf nicht zu kurz kommen. "Je besser wir zusammenarbeiten, desto besser auch für Plauen."

Und wie es nur gemeinsam mit dem Landkreis geht, wenn Großes gewuppt werden soll, stellt Bittmann auch der Zusammenarbeit mit der SPD in einer gemeinsamen Fraktion ein gutes Zeugnis aus. Für die Grünen wäre ein Fraktionsstatus bei der letzten Stadtratswahl nicht erreichbar gewesen, also ging man gemeinsame Wege mit den Sozialdemokraten. Bittmann pragmatisch: "Gegen die übermächtige CDU waren die gemeinsam eingebrachten Vorschläge von SPD/Grünen sowieso besser aufgehoben." Wie es nach der Wahl weitergeht, wenn sich die "Größenverhältnisse" vielleicht geändert haben? Da könne man reden, sagt der Spitzenkandidat der Grünen, "wünschenswert wäre es." Zumal eine Reihe von Dingen ihrer Fortsetzung harren, deren Erfolg die gemeinsame Fraktion fraglos auf der Haben-Seite verbuchen kann. Stichwort Stadtteilbeauftragte. Jeweils zwei Stadträte "bereisten" die Plauener Stadtteile und hörten sich vor Ort um, wo den Leuten der Schuh drückt. Das gehe nur gemeinsam, "sonst fehlt auch ein stückweit die Manpower". Was für das Ehrenamt generell gelte. 

Oftmals fehlt das Geld

Die Stadt sei bemüht zu helfen, erkennt Bittmann durchaus an, doch dieser Weg müsse fortgeführt werden. Und natürlich ist er Realist genug zu wissen, dass oftmals auch das Geld fehle. Der Ausbau des Fahrradwegenetzes sei ein langer Prozess und die Abschaffung der Kita-Gebühren - da müsse man schauen, ob sich Plauen das leisten könne. Bittmann sieht das Problem eher auf Länderebene angesiedelt. Was ihm aus der Arbeit mit seinen Klienten mindestens ebenso am Herzen liegt: Die Hilfestellung beim Ausfüllen von Formularen müsse erweitert werden - "die sind echt kompliziert." Stichwort Theater. In die ferne Zukunft könne niemand schauen, "aber klar, den Erhalt des Theaters als produzierendes Mehrspartenhaus wünschen wir uns schon." Wohl wissend, dass Alleingänge ohne Zwickau eher kontraproduktiv wären. Ob er eine Erklärung für den gegenwärtigen Hype der Grünen habe? Im letzten Jahr habe bei vielen Menschen ein Umdenken eingesetzt, das Umweltbewusstsein sei gewachsen. "Da liegt es doch nahe, uns zu wählen", lächelt Bittmann. Und ja, Plauen habe ein Problem mit Rechtsradikalen. "Wir Grüne grenzen uns klar ab von allen Formen des Rechtsextremismus ab." Zwar fühle sich die so genannte schweigende Mehrheit mittlerweile von den Lautsprechern des III.Weges eher abgestoßen, andererseits gäbe es noch zu wenige, die laut "Nein" sagen.

Auf andere zugehen

Wer die Grünen zu wählen beabsichtigt, müsse freilich einiges berücksichtigen, lächelt Bittmann. "Grüne sind gewohnt, sich aneinander zu reiben, wir sind ein total amorpher Haufen. Andererseits besteht unsere Stärke darin, auf andere zuzugehen. Intoleranz und Grüne, das geht überhaupt nicht zusammen. Und dann noch ein Statement, das auch von der Kanzel kommen würde, stünde Bittmann nicht mit beiden Beinen im Leben: "Die Liebe zu Menschen ist jedem Grünen gegeben." Sie werden sie demnächst beweisen können an den Infoständen in Plauen oder auch beim "Klinkenputzen". T. Piontkowski