Grippeschutz - mit Bumms

Alle reden von Corona. Und die Impfungen gegen Influenza? Jetzt muss für 2021/22 bestellt werden! Auf Ärzte kommt etwas ganz Neues zu. Das lässt ihren Blutdruck steigen: Denn sie werden zum Spielball höherer Mächte - und können sich kaum wehren. Spielt die Freundschaft zu Frankreich eine Rolle?

Plauen/Theuma - Eine Handvoll Hersteller bietet ein Dutzend Grippe-Impfstoffe - und jedes Jahr neue, weil sich die Viren ändern. "Die Krankenkassen geben Empfehlungen, die wir im Großen und Ganzen befolgen, sonst werden die Kosten nicht übernommen", sagt Dr. Udo Junker, ein Hausarzt, der in Plauen und Theuma praktiziert.
Für die kommende Impfsaison gebe es Pläne für die Über-60-Jährigen: "Die waren bisher durch Impfungen weniger geschützt als Jüngere. Deshalb sollen sie EFLUELDA bekommen, einen neuen Impfstoff, der mehr ,Bumms‘ hat, um das Immunsystem anzuregen", erklärt Junker.
Studien hätten dadurch höheren Schutz ergeben. Die Ständige Impfkommission (STIKO) habe berechnet, 162 Leute weniger wären an Grippe gestorben, wenn man Ü60 in der vergangenen Saison mit einem Impfstoff mit "mehr Bumms" geimpft hätte. Dazu kämen 362 Krankenhausaufenthalte und 23.000 Arztbesuche weniger, gibt Junker die Modellrechnung wieder. "Im Vogtland hätte es demnach ein oder zwei Grippe-Tote weniger gegeben."
Junker wundert sich jedoch, woher die sonst so penible Ständige Impfkommission diese Rechnung nimmt, denn der Nutzen sei in Wirklichkeit geringer: "Die STIKO hat mit 15 und 30 Prozent Nutzen gerechnet. In der zitierten Studie wurde aber nur ein Nutzen von 6 Prozent belegt. Ich weiß nicht, warum es diese Diskrepanz gibt. Außerdem wurde ein ganz anderer Impfstoff untersucht. Und der Bundesausschuss macht daraus jetzt ein Gesetz zur Anwendung von EFLUELDA."
Junker gibt zu bedenken, dass es auch einen (ökonomischen) Nutzen gegeben hätte, wenn zehn Prozent mehr Leute über 60 mit dem alten Impfstoff geimpft worden wären. "Dann hätte es theoretisch 110 Tote weniger gegeben, 220 Krankenhausaufenthalte und 16.000 Arztbesuche - ganz ohne neuen Impfstoff."
Junker fragt sich, ob der Nutzen die Nachteile des neue Impfstoffs ausgleicht: "EFLUELDA hat mehr ,Bumms‘, um das Immunsystem anzuregen - und deshalb mehr Nebenwirkungen. Das ist normal und kein schlechtes Zeichen. Ein guter Impfstoff kann wehtun. Aber mancher wird EFLUELDA ablehnen, weil er das Kopfweh für zwei Tage fürchtet, die Übelkeit oder/und den schmerzenden Oberarm."
Und diese Ablehnungen haben Folgen, wie Junker erklärt: "Wir Hausärzte müssen bis Montag, 22. März bestellen - und wissen nicht, wie viele Impfdosen gebraucht wer den. Bestellen wir zu viel, kann es sein, dass wir finanziell bestraft werden."
Wie bitte? Junker erklärt ein Beispiel: Ein Arzt bestellt 100 Dosen, kann aber nur 80 Patienten impfen. Was passiert mit den 20 Rest-Dosen? "10 Prozent der verimpften Dosen - also 8 - gelten als Rabatt für den Arzt: Die darf er von den Rest-Dosen abziehen. Aber die übrigen 12 muss er bezahlen; der Arzt trägt das Risiko."
Was heißt das? "Die meisten Ärzte bestellen deshalb weniger, als sie in der letzten Saison verimpft haben. Im Fall der Fälle reicht es nicht für alle Patienten. Ich habe beispielsweise in der vorigen Saison 276 mal geimpft - und bestelle 230 Impfdosen für die neue."
Apropos: Was kostet eine Impfung? Laut Junker bisher von knapp 12 bis knapp 20 Euro plus 7,75 Euro für den Arzt. "EFLUELDA soll gut doppelt so teuer werden - am ,Machelohn‘ für den Arzt ändert sich nichts."
Junker bereitet es nach eigenem Bekunden Kopfzerbrechen, wenn EFLUELDA - wie es scheint - "von oben" durchgedrückt würde. "Wer ein anderes Mittel will, müsste pri-vat zahlen. Dann hätte EFLUELDA eine Monopolstellung bei der Grippeimpfung der Über-60-Jährigen, einer sehr wichtigen Patienten-Gruppe. Alle anderen Anbieter wären schlagartig aus dem Rennen. Ich habe keine guten Daten gefunden, aber etwa 50 Prozent der Ü60 lassen sich gegen Grippe impfen, das sind gut 10 Millionen Impfdosen. Kartellamt und Patientenschützer müssten aufschreien."
Junker hat einen Verdacht: EFLUELDA ist ein Produkt von Sanofi, des französischen Pharma-Riesen, dessen Corona-Impfstoff keine Zulassung bekommen hat. Könnte es sein, dass man Sanofi auf dem Wege der EFLUELDA-Zulassung einen Gefallen tun wolle, um die entgangenen Gewinne zu kompensieren?, fragt Junker.

Was sagt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS)?

Die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) nimmt auf Anfrage nicht zu allen Aspekten Stellung. In der Antwort heißt es: Laut KVS kostet konventioneller Grippeimpfstoff pro Dosis ab etwa 12 Euro, der Hochdosis-Impfstoff mehr als das Dreifache - etwa 40 Euro.
Ja, ein Arzt könne in Regress genommen werden, wenn er mehr bestelle als verbrauche - und die Differenz mehr als 10 Prozent betrage. In der kommenden Impfsaison solle die Differenz bei 30 Prozent liegen - wenn ein Gesetzentwurf in Kraft trete. "In Sachsen ist bisher noch nie ein Arzt wegen eines zu hohen Grippeimpfstoff-Verwurfes in Regress genommen worden", schreibt die KVS und erklärt, wie neue Impfstoffe gelassen werden:
Die Ständige Impfkommission (STIKO) spreche bundesweite Empfehlungen aus. "Daraufhin kann dies in die Schutzimpfungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) aufgenommen werden und ist somit eine Kassenleistung. In Sachsen kann es unter Umständen auch teilweise abweichende Vereinbarungen geben, da es hier die Sächsische Impfkommission (SIKO) gibt."
Ergänzend wird mitgeteilt, dass "im Februar-Heft der KVS-Mitteilungen eine ausführliche Arztinformation zur Grippeimpfsaison 2021/2022 veröffentlicht" wurde. KVS und der Sächsische Apothekerverband hätten sich auf ein Procedere für den Bezug von Grippeimpfstoffen in der Saison 2021/2022 verständigt - im Internet nachzulesen. ufa
https://www.kvs-sachsen.de/mitglieder/kvs-mitteilungen/2021/02-2021/schutzimpfungen/