Grenzenloses Europa täglich leben

Plauen - Gleich zwei Gründe zu feiern gab es am Sonntag im Vogtlandtheater.

 

Zum einen natürlich den Tag der Deutschen Einheit, zum anderen die auf den gleichen Tag fallende 20-jährige Städtepartnerschaft zwischen Plauen und Siegen. Nicht nur dass die Menschen in Plauen als erste in Ostdeutschland auf einer Großdemonstration am 7. Oktober ihrem Unmut über die bestehenden Verhältnisse Luft machten, auch in einem anderen Bereich konnte und kann die Stadt auf Außergewöhnliches verweisen. Denn Städtepartnerschaften zu westlichen Kommunen stellten in der DDR die absolute Ausnahme dar. Plauen verfügte sogar über zwei - zu Hof gleich in der Nachbarschaft und zum österreichischen Steyr, die bereits seit 1970 existiert.

 

Man hätte den Festakt gestern Vormittag im Vogtlandtheater mit klassischer Musik und tiefsinnigen Reden gestalten können. Doch die Organisatoren entledigten sich dieses Korsetts und luden stattdessen zu kleinen Gesprächsrunden ein, zwischendurch angereichert von musikalisch hochbegabtem Nachwuchs wie der Hoferinnen Anna Ernst am Fagott und Theresa Schneider am Violoncello, dem Plauener Lars Erik Larsson und der ehemaligen Schülerin des Vogtlandkonservatoriums, Elisabeth Schnabel, die künftig wohl noch auf viel größeren Bühnen zu erleben sein wird.

Doch zurück zur politischen Bühne. Nachdem Gastgeber Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer daran erinnert hatte, dass es die Tschechen und die Ungarn waren, die den ausreisewilligen DDR-Bürgern ihre Grenzen öffneten, dass es der Mut der polnischen Solidarnosc-Bewegung war der zeigte, dass Widerstand von unten erfolgreich sein kann und damit auch die "Kraft der Kerzen" im Wendeherbst ermöglichte, trafen sich die "Macher" der ersten Stunde zu kleinen Talk-Runden. Gemeinsam mit dem damaligen Plauener OB Rolf Magerkord erinnerte sich der Hofer Bürgermeister a.D. Hans Heun, sowie die Siegener Wilhelm Rothenpieler und Paul Waldhardt an die "wilden" Wendejahre. Lediglich Heun musste noch weiter zurück greifen. In seine Amtszeit von 1970 bis 1988 fiel die Unterzeichnung der Städtepartnerschaft zwischen Hof und Plauen. Eine die von "ganz oben" genehmigt werden musste und letztlich von Strauß bei Honecker ins Gespräch gebracht worden war.

Wesentlich unaufgeregter lief die Sache im Falle Siegens. Örtliche Handwerker waren die ersten, die sich gen Plauen aufmachten, um ihren Kollegen Hilfe anzubieten. Die nahmen sie dankbar entgegen. "Es war, als kennen wir uns schon 20 Jahre", erinnert sich Paul Waldhardt, der den Kontakt mit Dachdeckermeister Ulrich Hegner, einem gebürtigen Plauener, eingefädelt hatte. Über die "Handwerkerschiene" entstanden erste Kontakte zur Plauener CDU, schließlich konnten sich beide Seiten eine Städtepartnerschaft sehr gut vorstellen.

Über die Folgen der Deutschen Einheit für Europa unterhielt sich Oberdorfer anschließend mit Amtskollegen aus Pabianice, Asch und Steyr. Einmütiges Fazit aller Talk-Teilnehmer: Die Jugend müsse die Geschichte kennenlernen. "Wir dürfen die Ereignisse in Europa nicht nur aus dem Fernsehen verfolgen, ein grenzenloses Europa muss von den Bürgern gelebt werden", unterstrich Oberdorfer den Wert von Städtepartnerschaften. Wir spüren und fühlen jetzt viel besser, was die Menschen hier beim Fall des Eisernen Vorhangs bewegte", fügte Gerhard Bremm aus Steyr an.

 

Und Steffen Mues, Siegens Stadtoberhaupt, sprach sich in der dritten Talk-Runde "von ganzem Herzen" für den Weiterbestand von Städtepartnerschaften aus. Der eigentliche Wahnsinn des Systems sei ihm eigentlich erst am Samstag beim Besuch des Museums Mödlareuth deutlich geworden. Und zur sichtlichen Freude von Oberdorfer fügte er an, dass auch Siegen von Plauen lernen könne - beispielsweise bei der Installierung eines Jugendparlaments oder hinsichtlich von Stadtwerken für seine Kommune.