Greizer mit Körperwelten in Sachsen

Leipzig/Greiz - - Bis zum 12. September präsentieren der Erfinder der Plastination sowie seine Frau und Kuratorin Dr. Angelina Whalley im legendären Kohlrabizirkus im Herzen Leipzigs ihr neues Ausstellungs-Konzept "Körperwelten - Eine Herzenssache".

 

Unumstritten sind von Hagens Plastinate echter menschlicher Leichname nicht. Und dennoch: Bis heute haben über 30 Millionen Menschen in rund 60 Städten Europas, Asiens und Nordamerikas die Ausstellungen besucht. Die fortgesetzten Bemühungen, die Ausstellung gegen oft scharfe Angriffe von Ausstellungsgegnern zu verteidigen, sieht Dr. Gunther von Hagens als eine unvermeidbare Last, die er mit seiner Mission als öffentlicher Erlebnisanatom und Aufklärer eines Massenpublikums zu tragen hat. "Der öffentliche Anatom ist in einer Sonderposition.

 

Er muss in seiner täglichen Arbeit die Tabus und Überzeugungen in ein neues Verständnis von Tod und Körperlichkeit transformieren. Es kommt darauf an, die Herzen der Menschen zu ihrer inneren Körperlichkeit zu öffnen und in ein durch Körperstolz geprägtes Gesundheitsbewusstsein für ein gesünderes und damit besseres und längeres Leben zu transformieren. Ich selbst bin nicht wirklich Gegenstand der Kontroverse, dies sind meine Ausstellungen, die ich vertrete und in denen ich die Besucher auffordere, ihre grundlegenden Ansichten und Überzeugungen über unsere Sterblichkeit zu bedenken."

Alle in der Ausstellung gezeigten Plastinate stammen von Menschen, "die zu Lebzeiten erklärt haben, dass ihr Körper nach dem Ableben zur medizinischen Aufklärung innerhalb der Körperwelten zur Verfügung gestellt wird. Nur die Körperwelten, unterhalten seit 1982 ein lizenziertes Körperspende-Programm mit derzeit 11 327 registrierten Freiwilligen - anders als Nachahmerausstellungen", betont von Hagens.

Der Anatom, Erfinder der Plastination und Schöpfer der Körperwelten erblickte als Gunther Gerhard Liebchen 1945 in Alt-Skalden in der polnischen Provinz Posen, die damals zu Deutschland gehörte, das Licht der Welt. Um der unmittelbar bevorstehenden russischen Besatzung ihres Heimatlandes zu entkommen, legte die Mutter den zehn Tage alten Säugling in einen Wäschekorb und machte sich im Pferdewagen sechs Monate auf ihren Weg in den Westen. Die Familie blieb kurz in Berlin und dessen unmittelbarer Umgebung, bevor sie sich dann endgültig in Greiz niederließ. Dort lebte von Hagens bis zu seinem 19. Lebensjahr. Im Kindesalter wurde bei ihm eine seltene Bluterkrankung festgestellt, die ihn in seinen Aktivitäten einschränkte und immer wieder für lange Krankenhausaufenthalte sorgte. Seither hätte er keinen anderen Berufswunsch gehabt, als Arzt zu werden.

Sein Medizinstudium begann er 1965 an der Friedrich Schiller Universität Jena. Später beteiligte er sich an Studentenprotesten gegen die Invasion der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Pakts. Im Januar 1969 durchquerte von Hagens, getarnt als reisender Student, Bulgarien und Ungarn und versuchte am 7. Januar über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich und damit in die Freiheit zu gelangen. Er wurde von Grenzbeamten festgenommen, an die DDR ausgeliefert und zwei Jahre lang inhaftiert. Nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik setzt er 1970 sein Medizinstudium an der Universität Lübeck fort.1975 heiratet er seine frühere Kommilitonin Dr. Cornelia von Hagens und nahm ihren Nachnamen an.

Während seiner Zeit als Assistenzarzt und Dozent an den Instituten für Pathologie und Anatomie, erfindet von Hagens zu Beginn seiner 18 Jahre währenden Tätigkeit an der Universität Heidelberg 1977 die Plastination, sein bahnbrechendes Verfahren zur Konservierung anatomischer Präparate mittels reaktiver Kunststoffe. Bereits 1978 gründet von Hagens ein eigenes Unternehmen für den Vertrieb von Kunststoffen zur Plastination, sowie von Geräten und technischen Hilfsmitteln zur Herstellung von Plastinaten. Heute würden diese Kunststoffe an über 400 Institutionen in 40 Ländern verwendet, die von Hagens Erfindung zur Konservierung anatomischer Präparate für die medizinische Ausbildung nutzen. Von Hagens heiratete 1992 die Ärztin Dr. Angelina Whalley, die seither als Geschäftsführerin für ihn tätig ist und auch die Körperwelten-Ausstellungen konzipiert. Ein Jahr später gründete Dr. von Hagens in Heidelberg das Institut für Plastination, das plastinierte Präparate für Ausbildungszwecke und für die Ausstellungen liefert, die in Teilen erstmals 1995 in Japan gezeigt wurde.

Von der Entwicklung des Menschen im Mutterleib, über das Skelett bis hin zum perfekten Zusammenspiel der Muskulatur erhält der Besucher ein detailliertes Bild über den Aufbau seines Innenlebens. Mehr als 200 Präparate, darunter viele neue Ganzkörperplastinate, erläutern leicht verständlich die einzelnen Organfunktionen und häufige Erkrankungen. Schwerpunktthema in der aktuellen Ausstellung ist das Herz als unentwegter Motor des Lebens mit seinem weit verzweigten Gefäßsystem mit einer Länge von unglaublichen 96 500 Kilometern. "Herzkrankheiten sind heute die häufigste Todesursache. So kennen wir Herzklopfen und Herzschmerzen aber auch als Zeichen von Angst, Kummer und Leidenschaft. Die Ausstellung blickt auch über den Tellerrand der Medizin hinaus und beleuchtet die Metaphorik des Herzens in Religion und Kunst als Symbol für Liebe, Mitgefühl, Glück und Mut", so Dr. Angelina Whalley. Die Ärztin betont den pädagogischen Wert: "Ich wünsche mir, dass die Ausstellung den Besucher anregt, herzbewusster und herzgesünder zu leben. Denn auf unser Herz, dieses lebenswichtige Organ, achten wir oft erst, wenn es erkrankt oder unter großer Belastung leidet." va