Greiz: Wolf im braunen Schafspelz erkennen

Die Uckermark ist weit weg von Greiz. Eine rechtsextremistisch motivierte Tat wie der Mord an Marinus Schöberl, dem 2002 im brandenburgischen Potzlow nach stundenlangen Quälereien die eigenen Kumpels brutal das Leben nahmen, hier undenkbar.

 

Das Vogtland hüllt sich in Beschaulichkeit. Oder doch nicht? Mit einer Lesung aus dem Theaterstück "Der Kick", das den Fall Schörberl analysiert, sowie Podiums- und Publikumsdiskussion rückten die Greizer Jusos und Prominente im Gespräch am Dienstag in der ehemaligen Greizer Milchbar das Thema Rechtsextremismus in den Fokus.

"Kultur trifft Politik" - unter diesem Titel hatten die Organisatoren den in Berlin lebenden Schauspieler und gebürtigen Greizer Sebastian Schwarz und die Thüringer SPD-Landtagsabgeordnete Heike Taubert eingeladen.

Gut 30 Minuten liest Schwarz aus der von Joseph Bierbichler und ihm bearbeiteten Bühnenfassung des Stücks "Der Kick". Es spricht einer der drei Haupttäter, Marcel Schönfeld, und berichtet von unvorstellbaren Grausamkeiten, die Marinus Schöberl erleiden musste. Es spricht der Staatsanwalt von dem "dumpfen, rechtsextremistischen Menschbild" der Täter, für die ihr Kumpel Marinus als "Notopfer" herhalten musste, weil er an diesem Sommerabend 2002 mit seinen gefärbten Haaren, seinen weiten Hiphophosen und seinem Stottern am ehesten in ihr krudes wie perfides Opferprofil passte. Es spricht die verzweifelte Mutter von Marinus, die vor Gericht um Gerechtigkeit fleht.

Schwarz liest den Text intensiv, vermittelt Nähe und Unmittelbarkeit zu den Personen und lässt das Unfassbare des Geschehens gegenwärtig werden. Die Tat schockiert. Schwarz? Können hat das grauenvolle Geschehen ins Bewusstsein der gut 30 Zuhörer gebrannt. Das Gehörte glüht nach, während Ralf Dietsch mit der Gitarre Zwischentöne spielt. Greiz ist weit weg von der Uckermark. Und das Vogtland frei von rechtextremistischen Umtrieben?

Der Greizer Juso-Chef Veit Kern, der mit in dem von Stephan Marek moderierten Podium sitzt, räumt auf mit der Beschaulichkeit. Mehrfache Übergriffe dem rechten Spektrum zuzurechnender Personen auf eine Familie in Netzschkau, Überfälle rechtslastiger Jugendlicher auf Passanten in Greiz und Reichenbach, ein Brandanschlag auf einen türkischen Imbiss in Plauen, die Liste sei lang und in den vergangenen zwei Jahren deutlich länger geworden, sagt er.

 

"Wenn es um Extremismus geht", sagt Heike Taubert, "dann um jede Form von Extremismus, in Thüringen allerdings gibt es kaum linksextremistische Straftaten, gezielte und permanente Angriffe kommen dagegen aus dem rechten Lager." Dass die rechtsnationale NPD nun auch in den Greizer Kreistag und das Stadtparlament eingezogen ist, bereitet nicht nur ihr Sorgen, sondern ebenso den Podiumsgästen und Zuhörern.

Warum wurden die NPD-Kandidaten gewählt? Stört es nicht, dass einer der Greizer NPD-Spitzenkandidaten ein rechtskräftig verurteilter Brandstifter ist? Ist der Wolf unter dem braunen Schafspelz nicht zu erkennen? wird gefragt. Es beginnt der Versuch einer Analyse zunächst im Podium und später mit den Gästen. "Das rechte Gedankengut ist schon mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen, als wir uns eingestehen", mahnt Wolfgang Seifert.

 

Der Ruf nach besserer Bildung wird laut, um den Kindern und Jugendlichen den Unsinn der rechten Propaganda zu verdeutlichen, sagen einige Gäste. Mehr Informationen in den Medien soll es geben, fordern andere. Es geht aber auch um die Glaubwürdigkeit der demokratischen Politiker, die nicht nur auf höheren Ebenen mit ihren Skandalen und Machtspielen Parteien wie der NPD in die Hände spielen.

Und es geht um die Zivilcourage und Wachsamkeit jedes einzelnen, um das Hin- statt dem Wegsehen. Kunst und Kultur, sagt Sebastian Schwarz, könne keinen Bildungsauftrag erfüllen, aber Denkanstösse geben und emotionalisieren könne es sehr wohl. Und das bedeutet gleichfalls: Erinnern. Denn, so Heike Taubert: "Wir können stolz sein auf Deutschland und auf unsere Heimat, aber wir haben auch eine historische Verantwortung." K. Schaarschmidt