Goldschmied hat Stasi-Akte in der Werkstatt

Steffen Kollwitz ist Goldschmied, wie es auch schon sein Vater war. Das Geschäft nahe der Markuskirche in Plauen hat eine Tradition, die weit in DDR-Zeiten zurückreicht. Damals, vor der Wende, standen die Menschen "Schlange, Schuhkartonweise haben wir die Aufträge angenommen", erinnert sich Kollwitz. Repariert wurden Ringe, Ketten, Armbänder und anderer Schmuck. Nur vier Mal im Jahr habe das Geschäft überhaupt aufgemacht. Nun ist es anders, die Geschäfte laufen etwas schwieriger, aber ein bisschen hat Kollwitz wohl auch selbst dafür gesorgt.

 

Der 44-Jährige bekommt derzeit viele Einladungen. Von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wurde er zur Eröffnung einer großen Ausstellung anlässlich des Mauerfalls in die Hauptstadt eingeladen, er soll vor einer Schulklasse sprechen, in der Heimatstadt tritt er in Gesprächsrunden auf. Überall soll er darüber berichten, wie es vor 20 Jahren war, als er mit anderen Oppositionellen die Wahl zur Stadtverordnetenversammlung vom 7. Mai 1989 in Plauen verfolgt und die Stimmauszählung beobachtet hatte. Gemeinsam mit sechs anderen Plauenern erhob er damals Einspruch gegen die amtliche Verlautbarung zum Wahlergebnis.

 

Zunächst sei ihnen offiziell erst mal nichts passiert, berichtet der Goldschmied. Die "Stasi-Maschinerie" habe sich aber nun "richtig in Gang gesetzt", wie er später aus den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR erfahren konnte. Er klappt einen dicken Ordner mit 600 Seiten über den "Operativen Vorgang 'Lunte' " auf. Die Akte hat er griffbereit in seiner Werkstatt. Weil er derzeit so oft danach gefragt werde. Zudem seien die Mitschriften von IM "Holger" eine "gute Stütze", um Details von damals nicht zu vergessen, ergänzt er süffisant.

Trotz der Furcht vor Repressalien blieb Kollwitz vor 20 Jahren politisch aktiv. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerbewegung Neues Forum in Plauen, war deren Kontaktperson nach Berlin. In den Wendetagen im Herbst 1989 seien unzählige Menschen mehrmals die Woche zu ihm und seiner Frau gekommen. Er habe sogar Sprechzeiten in seiner Wohnung einrichten müssen, so groß sei der Ansturm gewesen.

 

Neugierig und interessiert seien die Menschen gewesen, sagt der Goldschmied. "Sie wollten alle wissen, wie es nun weitergeht." Während bei ihm die Erinnerungen an den Wahlbetrug in der DDR und die Angst vor der Stasi noch präsent sind, könne die jüngere Generation kaum etwas mit dem SED-Regime anfangen. Auch sein Sohn, der bei den Demonstrationen im Herbst 1989 als Zweijähriger auf seinen Schultern mit dabei gewesen sei, interessiere sich heute "für andere Dinge".

 

Seiner 15-jährigen Tochter müsse er gar "alles komplett neu erklären". Die Zeit sei "zu weit weg", sagt Kollwitz. Die Einladung von Wowereit habe seine Tochter aber begeistert mit den Worten "Papa, du bist ja berühmt" aufgenommen.

 

Die Nachfrage nach seinem Handwerk hat seit der Wende abgenommen. "Plötzlich gab es alles im Überfluss", sagt Kollwitz. Vor der Wiedervereinigung war seine Heimatstadt Plauen stark von der Textilindustrie geprägt. Betriebe von internationalem Rang waren damals die Plauener Spitze und die Plauener Gardine. Die berühmte Spitzenindustrie befinde sich im Frühjahr 2009 "in der Konsolidierungsphase", schätzt die Stadtverwaltung ein. Von der aktuellen Wirtschaftskrise sind vor allem Automobilzulieferer und Maschinenbau berührt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 13,9 Prozent.

 

Kollwitz sagt, dass wirtschaftliche Krisen für ihn keine Überraschung seien. "Ich hatte keine Illusionen vom Schlaraffenland." Plauen präsentiert sich heute in neuem Glanz, saniert mit bunten Giebeln. Vor der Wende waren viele Gebäude dem Einsturz geweiht, ein paar "furchtbare Ecken" gebe es freilich immer noch, sagt Kollwitz.

 

Trotz Einwohnerschwund - die fünftgrößte Stadt Sachsens ist seit der Wende um 6000 auf knapp 68 000 Menschen geschrumpft - fährt immer noch die Straßenbahn durch die Vogtlandmetropole. Das Jahrhunderte alte Gemäuer des über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Kultur- und Kommunikationszentrums Malzhaus wurde umfangreich saniert. Das Vogtlandmuseum und das Spitzenmuseum gibt es nach wie vor, ebenso das Theater der Stadt. In der Stadt sind drei Galerien, eine private Fachhochschule, eine Staatliche Studienakademie und seit vergangenem Jahr eine Außenstelle der Westböhmischen Universität Pilsen zu finden.

Laut Stadtverwaltung hat sich Plauen "von der grauen Maus in Grenznähe zu Bayern" zu einer "blühenden Stadt in der Mitte Europas" entwickelt. Tatsächlich kommen Menschen aus dem nahen Franken nicht nur zum Einkaufen. Jedes Wochenende finden sich zahlreiche Jugendliche etwa aus Hof in den Plauener Diskotheken ein.

 

Weit ab vom regen Treiben in der sanierten Altstadt hat Kollwitz sein kleines Geschäft mit Goldschmiedewerkstadt in einer Seitenstraße im Stadtteil Haselbrunn. Es sei ruhig in der Werkstatt geworden, sagt Kollwitz. Mit Stammkundschaft, Reparaturen sowie Neuanfertigungen und einem kleinen Handel könne er seinen Betrieb halten. Seit der Jahrtausendwende laufe es nicht mehr so gut, berichtet er. Der zweifache Familienvater wirkt trotzdem entspannt und zufrieden. "Wenn das alles nicht mehr klappen sollte, mache ich eben etwas anderes", sagt er. Mit den neuen Einkaufstempeln, die nach der Wende zunächst auf der "Grünen Wiese" errichtet wurden und nun auch in der Innenstadt stehen, könne und wolle er ohnehin nicht mithalten.

Steffen Prellwitzmit der Zeitung vom Mai 1989. Dort stehen alle gefälschten Zahlen fein säuberlich in Tabellen. Derzeit bekommt er viele Einladungen, um über dieses Thema zu sprechen. So zum Beispiel von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit.