Glashäuser rührt zu Tränen

Am Ende hatte sich der Raum geleert und alle Premierenbesucher fanden sich vor der Kleinen Bühne des Vogtlandtheaters wieder. Einige von ihnen mit Tränen im Gesicht. So eindrücklich hatte die Uraufführung des Balletts Glashäuser des israelischen Choreografen Oded Ronen ihre Spuren hinterlassen.

Von Lutz Behrens

Plauen - Drei weiße Flächen ragen vertikal in die Höhe und bilden neben dem weißen Teppichboden das schlicht strukturierte, abstrakte Bühnenbild von Silvio Motta, der auch für Kostüme und Auswahl der Filme zuständig war. Zudem wird dieses Weiß als Projektionsfläche für unterschiedlichste Filmsequenzen genutzt, um in Kombination mit grandioser Musik in Dimensionen tiefer, intensiver Wirkungen bei den Zuschauern vorzustoßen. 
Auch die acht Tänzerinnen und Tänzer: Judith Bohlen, Miyu Fukagawa, Shahnee Page, Justine Rouquart, Nicole Stroh, Juan Bockamp, Elliot Bourke und Jeaho Shin tragen eine Art weißen Hosenanzug, der dem Einzelnen erst durch verschiedenartige schwarze Stoffstreifen eine unterscheidbare Identität verleiht. Nicht so Jeaho Shin. Der Tänzer sitzt, vorerst nett im Anzug, im Publikum und gehört zu den zufällig ausgewählten Damen und Herren, die von den Akteuren höflich, aber nachdrücklich gebeten werden, auf sechs Stühlen Platz zu nehmen, um, durch Rollen ermöglicht, im Verlaufe des 80-minütigen Tanzstückes über die Bühne gefahren zu werden, was eine eindrückliche Nähe zu den Tanzenden herstellt. Dass Jeaho Shin sich dann seines Anzuges entledigt und in die Tanzgruppe integriert wird, zeigt, dass wir alle Opfer sein oder zu Tätern werden können. Ausgrenzung, die bis zum Totschlagen des Anderen getrieben wird, und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, das sind die Themen, denen in seiner Choreografie Oded Ronen in immer neuen Variationen, vom heiteren Reigentanz bis zum streng militärischen Marsch, ästhetisch überzeugenden Ausdruck verleiht.
Schwer aufs Gemüt schlagen zum Auftakt Filmausschnitte, die in drei kurzen Einstellungen die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts am Beispiel Plauens bündeln: die prosperierende Großstadt (1905 zählte Plauen stolze 105 000 Einwohner) zu Beginn des Jahrhunderts, gefolgt vom bedrohlichen Anflug von Bomberverbänden und dem Abwurf tödlicher Last, bis hin zur Trümmerwüste der zu 75 Prozent zerstörten Stadt im Jahr 1945. 
Mit Ausschnitten aus Smetanas Die Moldau und dem mit heiterem Klezmer durchsetztem Marsch aus dem dritten Satz von Mahlers Erster findet Ronen, neben vielen weiteren Klängen und Geräuschen, eine adäquate musikalische Korrespondenz zu seinen Intentionen. Immer wieder von einzelnen Nationalhymnen, deren Text zum Teil von den Tänzerinnen artikuliert wird, unterbrochen.
Schier unerträglich wird es bei einem Filmausschnitt aus dem Eichmann-Prozess, dessen fortlaufendes Wortprotokoll auf dem Teppichboden der Kleinen Bühne nachzulesen ist. Zwar sprach Hannah Arendt von der personifizierten Banalität des Bösen, hier auf der Anklagebank als verkniffener Buchhalter des Todes seinem eigenen Todesurteil entgegenbangend, aber die Szene, in der ein Zeuge im Gerichtssaal in Ohnmacht fällt und weggetragen werden muss, weil ihn die Macht der unerträglichen Erinnerung überwältig, lässt die Singularität deutschen eliminatorischen Antisemitismus ahnen und hat mit einem "Vogelschiss" nichts zu tun. Ein Bild vom Ausmaß des Grauens kann sich der Besucher machen, wenn er im Programmheft die Einlage "Widmung" studiert; das Doppelblatt ist eine späte Würdigung der im Holocaust ermordeten Vorfahren und Familienangehörigen von Oded Ronen, dessen Familie mütterlicherseits aus Plauen kommt. Neben all den später Umgebrachten, die mit heiteren Familienfotos vorgestellt werden, erschrecken die Altersangaben: "ermordet mit zwei, mit zehn, mit 14, mit 18 Jahren", um nur die Kinder und Jugendlichen zu nennen. 
Von Brecht gibt es den Satz: Besser als gerührt sein ist, sich rühren. Dazu kann das Tanzstück Glashäuser viel beitragen. Und wenn auch nicht zu erwarten ist, dass sich allzu viele Freunde des III. Weges diesem eindrücklichen Erkenntnisgewinn aussetzen werden, für Plauen und seinen seit dem 1. Mai dieses Jahres arg ramponierten Ruf kommt diese Inszenierung genau zur richtigen Zeit.