"Glashäuser" - beklemmend aktuell

Etwas ganz Besonderes für Plauen und sein Theater verspricht das Ballett "Glashäuser" des israelischen Choreografen Oded Ronen zu werden. Dafür zeugen sein internationales Renommee, das von ihm gewählte Thema: Ausgrenzung und Zugehörigkeit und nicht zuletzt seine familiären Plauener Wurzeln.

Von Lutz Behrens

Plauen - Auf die Kleine Bühne, die am kommenden Sonntag, 9. Juni, 19.30 Uhr, Ort der Ballettpremiere sein wird, hatten die Dramaturginnen Ulrike Berger und Hanna Kneißler eine Woche vorher zur Matinee eingeladen. Ihre Gesprächspartner: Choreograf Oded Ronen und Ausstatter Silvio Motta. Letzterem war zu danken, dass die meist düster-schwarzgraue Anmutung dieses Spielortes einer blenden Helle gewichen war: alles beherrschte das makellose Weiß einer überdimensionalen Matte, die den Boden bedeckte; ergänzt durch drei unterschiedlich große, vertikal aufragende Flächen, die sich auf den zweiten Blick als streng geordnete, elastische Bahnen entpuppten. Und damit auch gar nichts das Weiß beflecke, wurde für die Besucher der Matinee für ihren Ein- und Austritt auf und aus der Kleinen Bühne kurzzeitig ein schwarzer Teppich ausgelegt.
Neben den Gesprächen mit Oded Ronen und Silvio Motta, in denen zum Teil etwas langatmig (bis hin zu den Europawahlen in Italien) über Hintergründe der Ballettinszenierung und die Intentionen des Ausstatters informiert wurde, beeindruckten die dargebotenen Ausschnitte aus dem Ballett. Daran beteiligt alle Ensemblemitglieder, die zur Matinee leider nicht mit Namen genannt, hier aber gewürdigt werden sollen: Judith Bohlen, Miyu Fukagawa, Shahnee Page, Justine Rouquart, Nicole Stroh, Juan Bockamp, Elliot Bourke und Jeaho Shin. 
In der Eröffnungsszene spricht eine Tänzerin den Text der deutschen Nationalhymne, dazu ist Musik aus dem dritten Satz der ersten Sinfonie von Mahler zu hören. Es erklingt der grotesk und ironisch anmutende Trauermarsch, der durch verwendete, klezmerartige Motive seine Stimmung wechselt. Die Tänzerinnen und Tänzer bilden eine Gruppe, ein Einzelner steht abseits: Ausgrenzung und Zugehörigkeit werden sichtbar. 
Wir erfuhren, dass "Glashäuser" keiner chronologischen Handlung folgt, sondern seine Struktur durch schlaglichtartig aufgebaute, einzelne Sequenzen erhält. Immer wieder zitierte die Musik Nationalhymnen, so auch die israelische. Oded Ronen erklärte, dass die Hymne im Leben des jungen israelischen Staates mit seiner vom singulären Menschheitsverbrechen, der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden durch die Deutschen, belasteten Geschichte von besonderer Brisanz ist. Ronen deutete aber auch seine differenzierte Haltung zu aktuellen politischen Entscheidungen seines Landes an.
Noch ohne Tanz (das sei der Premiere vorbehalten) sahen die Matineebesucher auch den Ausschnitt, in dem auf den drei weißen Flächen des Bühnenbildes Filmsequenzen zu sehen sind. Sie lassen heftige lokalpatriotische Erinnerungen aufleben beim Blick auf die prosperierende Stadt Plauen Anfang des so tragischen 20. Jahrhunderts: in grobkörnigem Schwarz-weiß tanzt ein junger Mann beschwingt auf der belebten Bahnhofstraße, das Trömel lockt. Motive sind die imposante Alte Elsterbrücke, von einer Straßenbahn gequert, und die heutige Friedensbrücke, der sich ein einsames Auto in flotter Fahrt nähert. Abrupt der Bruch. Bomber im Formationsflug, es glitzern und gleißen die sogenannten Christbäume, Abwurfziele markierend. Dann das Elend der Nachkriegszeit in all seiner Trostlosigkeit. Ein in Schutt und Asche verwandeltes Plauener Zentrum, die Trümmerwüste der Bahnhofsvorstadt mit lädierter Pauluskirche. Bilder, die denen gleichen, die wir heute zum Beispiel vom zerstörten Beirut vor Augen haben und die deutlich machen, dass der alte Adam nicht dazu lernt.
Auch sechs, mit Rollen versehene Stühle bekommen in der Inszenierung eine Funktion. Aber nur, wenn sich sechs Zuschauer, freiwillig, entschließen können, darauf Platz zu nehmen und der Dinge zu harren, die da kommen werden; am Sonntag zur Premiere.