Gitarre mit "Schimmelholz"

Das sind geradezu sensationelle Erkenntnisse, resümierte Professor Andreas Michel zur mündlichen Bachelorverteidigung von José Becerra am Dienstag in der Merz-Villa, wo der Studiengang Musikinstrumentenbau der Westsächsischen Hochschule Zwickau seinen Sitz hat.

Von Helmut Schlangstedt

Markneukirchen - Becerra, der 34-jährige Chilene, befasste sich im theoretischen Teil seiner Abschlussarbeit mit den Verordnungen des Carpinteros-Handwerks in Spanien und Lateinamerika im 16. Jahrhundert. Carpintero bezieht sich dabei auf alle Handwerker, die mit Holz arbeiten - Tischler, Zimmerleute, Instrumentenbauer...
Schon um 1530, und das ist eben das Sensationelle, gab es insbesondere in den größeren Städten wie Sevilla oder Granada das Handwerk betreffende Verordnungen und Regeln, die man mit den erst fast 150 Jahre später gegründeten Innungen in Deutschland vergleichen kann. So wurde etwa die Klingenthaler Geigenmacherinnung 1716 gegründet, in Markneukirchen erfolgte dies 1677. Formal und inhaltlich, so José Becerra, seien diese Verordnungen ähnlich gewesen, selbst die in Lateinamerika, wie etwa in Ciudad de México.
Meist umfassten diese Verordnungen sechs bis acht Seiten mit 30 bis 34 Normen. So wurde etwa die Finanzierung des Handwerks durch die Bezahlung von Prüfungsgebühren und der Zahlung von Bußgeldern bei Verstößen gegen die Verordnung geregelt, die auch für den wirtschaftlichen Schutz der Carpinteros sorgte, indem sie den Zugang zu Materialien für alle Mitglieder des Handwerks sicherte. Die Organisation ähnelte der späteren in Deutschland mit Meistern und Gesellen und die Verordnung schützte auch ihre Mitglieder und ihre Familien. So durfte eine Witwe die Werkstatt übernehmen und in Granada gab es sogar finanzielle Unterstützung im Krankheitsfall.
Die praktische Abschlussarbeit von José Becerra wies ebenfalls Eigenheiten auf. Eine Flamencogitarre, bei der Zargen und Boden aus chilenischer Zypresse bestehen, die härter als die europäische Art ist und dem Instrument einen kräftigeren Klang verleiht. Den Korpus seiner Gitarre, die den Namen Agusta trägt, gestaltete er nach einer Vorlage von Santos Hernández aus dem Jahre 1934. Zur Zierde verarbeitete er im Kopf der Gitarre neun Kupferrohre, und auch die Rosette um das Schallloch ist etwa Besonderes. Drei Ornamentringe mit Diagonalen und Kreuzen stehen in interessantem Kontrast zu zwei Ringen aus verschimmelter Buche.
Doch warum gerade eine Flamencogitarre? Es sei gewissermaßen eine Auftragsarbeit, schmunzelt José Becerra, die nun die Innung der Flamenco-Gitarristen in Chile bekommt. Diese bezahlte auch die Materialien für das Instrument und gewährte ihm einen finanziellen Zuschuss. Bleibt die Frage, wie der Chilene, der aus Santiago de Chile stammt, den Weg nach Markneukirchen gefunden hat. Bereits sein Urgroßvater, sein Großvater und ebenso sein Vater waren Gitarrenbauer, was nun irgendwie auch seinen Berufsweg erklärt.
2016 kam er nach Berlin, wo er sich in einer einschlägigen Werkstatt auf die Aufnahmeprüfung in Markneukirchen vorbereitete und danach dort sein Studium begann. Interessant, dass er außerdem eine Ausbildung als Geschichtslehrer hat, so dass das historische Thema seiner Abschlussarbeit ihm quasi auf den Leib geschneidert war. Auch hier möchte er sich fortbilden und nun in Hamburg ein zweijähriges Studium historischer Musikwissenschaft absolvieren.
Danach aber möchte er endlich seine eigene Gitarrenwerkstatt einrichten, vielleicht in Hamburg, Berlin oder auch Köln. Parallel will er sich dabei der geschichtlichen Forschung widmen. Ein sehr umtriebiger Geist also, der Achtung abverlangt.