Getanzte Musik aus drei Welten

Plauen - Plauen auf Spitze! Mit diesem Imperativ lockte am Wochenende das Theater Plauen-Zwickau Tanzbegeisterte. Vom Gespräch über das Leben nach der Tänzerkarriere, einer Gala der Staatlichen Ballettschule Berlin bis zum Tanzversuch für jedermann reichte das Angebot. Ein Höhepunkt: die Premiere des Ballettabends "Drei Welten" am Samstag.

 

Drei Welten. Beginnend mit den elegischen Klängen des ersten Satzes aus Henryk Mikolaj Góreckis 3. Sinfonie bis zum schrillen orgiastischen Finale von Ravels Bolérotauchten die Ballettbesucher in ein emotionales Wechselbad. Dazwischen bot das Ballett zu Igor Strawinskys Konzert für Klavier und Blasorchester die Verwandlung kämpfender Männer in Spieler und Träumer; ihre roten Speere demonstrierten die Metamorphose zum harmlosen Spielzeug, und rote Clownsnasen taten ein Übriges.

 

Immobiles Memento mori

Begonnen hatte der Abend eher verhalten. Aufmerksamkeit erweckte eine überdimensionale Videoleinwand. Sie zeigte den meist leeren Raum vor dem kommenden Landratsamt; dies Plauenern eher vertraut als einst Tietz, das ab 1933 böse arisiertund nach 1945 DDR-Warenhaus wurde, um in der Marktwirtschaft als Horten abgewickelt und seit 2001 zum immobilen Memento mori zu versteinern. Zu sehen war das Herz des abendlichen Plauens in grobkörnigem, eher schmeichelndem Schwarz-weiß, und eigentlich fehlte nur jemand, der im verwaisen Stadtzentrum die Bürgersteige hochklappte. Doch auf der Bühne erwachte das Leben. "Spannend und meditativ", so nennt Choreograf und Ballettdirektor Torsten Händler die Musik Góreckis. Er habe sich von dieser Musik leiten lassen und versucht, "die Atmosphäre der Stückes in Bewegung und Bilder zu setzen". Eindrucksvoll der Aufritt Judith Schuberts, die gleichsam als innere Stimme die musikalische Wirkung und die in spannende Bewegungen umgesetzten Aussagen der Tänzerinnen und Tänzer durch ihren reifen Sopran verstärkt.

Ein Stück nur für Männer

Thomas Hartmann, als Ballettmeister tätig, war Choreograf des Balletts nach Musik von Igor Strawinsky, einem Komponisten, der auch mit reiner Ballettmusik Furore gemacht hat. Wir sahen, sehr selten, Ballett, getanzt nur von Männern. Als Accessoires dienten rote, dünne und lange Stäbe, denen die Phantasie der Zuschauer vielfältige Bedeutungen beimessen konnte: sie entwickelten als Waffe bedrohliche Potenzen, mutierten zum Fechtwerkzeug, um schließlich gar auf der Nase balanciert oder wie Babys gewiegt zu werden. Welch köstliches Spiel der Verwandlungen, geadelt von meisterhafter Beherrschung bis ins Detail stimmiger Bewegungen. Entstanden ist ein Ballett von hoher Glaubwürdigkeit.

Nach der Pavane, einem einfachen Schreittanznachempfundenen Tanz für eine fiktive, verstorbene Prinzessin von Maurice Ravel, war die Erwartung auf den im (ausgezeichnet gemachten) Programmheft als Welthit angekündigten Boléro des französischen Komponisten besonders hoch. Einprägsam und wirkungsvoll der strenge Dreiviertel-Rhythmus der Trommeln, die "stoische Gradlinigkeit der Komposition" und die sich stetig steigernde Lautstärke.

 

Grandioses Finale

Ästhetisch überwältigend nicht nur hier das ausgezeichnete Bühnenbild (Manuele Geisler); beim Boléro war es die Idee, mit Hilfe zu spannender Stricke auf einem sich spiegelnden gläsernen Rechteck Gevierte entstehen zu lassen, Sie gaben den Tänzern Gelegenheit, in diesem optischen Zentrum die Möglichkeiten des streng definierten Raumes bis hin zum alles infrage stellenden, chaotischen Finales auszuleben. Begeisternde Schreie des Premierenpublikums bewiesen, dass sich auch im Zuschauerraum Spannung aufgestaut hatte, die zur Erlösung drängte.

Hoch zu loben für einen beeindruckenden Ballettabend sind die beteiligten Musiker des Philharmonischen Orchesters unter dem Ersten Kapellmeister Tobias Engeli, die Pianistin Natalia Posnova, und die beiden Choreografen Tosten Händler (Melancholia, Pavane und Boléro) und Thomas Hartmann (Konzert für Männer). Besondere Anerkennung gebührt dem Ballettensemble. Was die Damen und Herren zeigen ist des höchsten Lobes wert. Wir können stolz und glücklich sein, am Theater Plauen-Zwickau solch talentierte und hochmotivierte Tänzerinnen und Tänzer im Engagement zu haben. L. B.