Getanzte hohe Kunst der Symbolik

Greiz - Dem lauthals gesprochenen Satz des künstlerischen Leiter Stefan Neugebauer folgte tosender Applaus. "Der XVIII. Greizer Theaterherbst ist hiermit eröffnet", skandierte der Berliner Regisseur am Freitagabend im Hof des Oberen Schlosses Greiz und gab damit die Bühne frei für über 30 Veranstaltungen in der Festivalwoche bis zum 19. September.

 

Dem symbolischen Satz Neugebauers und den vorangegangenen, drögen Sätzen der politischen Vertreter folgte der erste Paukenschlag im stimmungsvoll ausgeleuchteten Schlosshof: das Eröffnungsspektakel "Woran glaubt Greiz?" Mag der Titel vielleicht ein wenig kraftlos sein, was die über 70 Akteure unter Leitung des Erfurter Künstlers Andreas Schulze vor den gut 450 Gästen zauberten, besaß Esprit, Witz und Spannung im Überfluss.

 

Ein bunter, revueartiger Reigen aus szenischem Spiel, Film, Tanz und Lifemusik ließ den Gästen nur wenige Momente des Atemholens. Theaterherbstmitspieler, Mitglieder Greizer Vereine, die Tanzklasse der Greizer Musikschule und andere Mitwirkende verwandelten sich in Clowns, Feuerspucker und Akrobaten. Den Blick auf das Motto des diesjährigen Theaterherbstes "Glaube! Liebe! Hoffnung!" gerichtet und dabei auch die 800-jährige Stadtgeschichte bedenkend, gingen sie dem Leben in Greiz und im Allgemeinen auf die Spur. Symbolhaftes traf dabei auf Realistisches wie einen witzig charakterisierenden und doch liebevollen, nicht verletzenden Film über die Glaubenansichten der Elsterstädter.

Den gesamten Hof als Spielfläche nutzend, wurde auch das Publikum mit in das stimmungsvolle, mit einem knapp zehnminütigen Feuerwerk endenden Stück aus Unterhaltung und künstlerischem Anspruch eingebunden. "Woran glaubt Greiz?" ist übrigens bereits das vierte Eröffnungsspektakel das der Greizer Theaterherbst in Eigenregie realisiert. Realisiert haben mit einem beachtlichen Maß an Kreativität und Fantasie sowie künstlerischem Können die Mitwirkenden der Gestaltungswerkstatt ihr Café Hoffnung.

Ein ehemaliges Lebensmittelgeschäft in der Greizer Carolinenstraße verwandelten sie unter Leitung des Künstlers Albrecht Fersch in eine vor Ideen strotzende und voller Entdeckungen steckende Begegnungsstätte. Bei Kaffee und Kuchen erkundeten zur Vernissage am Samstag die Gäste den Raum, nahmen Hoffnungsschimmer für gebeichtete gute Taten entgegen, ließen die Glücksbringerjukebox ertönen oder bestaunten einfach nur die hintergründigen Objekte, die gestalterisch oder auch ganz nützlich als Mobiliar wie unter vielem anderen ein Tisch mit Inseln, Wasser und Schiffen den Raum füllen.

"Inseln" ist auch der Titel einer Produktion des weltweit renommierten und mit zahlreichen Preisen geehrten Tanztheaters Derevo aus St.Petersburg/Dresden. Am Samstagabend gastierte die Gruppe beim XVIII. Greizer Theaterherbst und markierte einen der Gastspielhöhepunkte des Festivals. Mit unerreichter, berührender Formensprache und herausragender Komposition von Tanz und Bewegung berichtet Derevo von Matrosen, Schiffen, den Weiten des Meeres, der Liebe, der Melancholie, der Sehnsucht. Bildgewaltiger kann Tanztheater wohl kaum sein, und mehr kann ohne Worte wohl nicht erzählt werden. Derevo ist getanzte Lyrik und die hohe Kunst einer hinter das Gegenständliche blickenden Symbolik.  K. Schaarschmidt