Gespräche führen zu Lustgewinn

Neugierig gemacht wird im Vorwort auf "emotionale Momentaufnahmen, die Lustgewinn und Inspiration bieten". Geführt wurden: 24 Ateliergespräche; dann gesammelt und herausgegeben vom Bund Bildender Künstler Vogtland (BBKV). 2020 erschienen, hält das Buch, was es verspricht. Inklusive Lustgewinn.

Von Lutz Behrens

Plauen Gleichsam nebenbei berichtet Michael Franke von einem Moment in seinem Leben, der ihn "doch etwas verändert" habe. Das klingt harmlos; es geht um eine Gehirnblutung. Die habe ihm gezeigt, dass er hätte sterben können. Er begriff, wie herrlich doch das Leben und die Landschaft sind. Das scheint banal zu sein, doch die wichtigen Dinge sind schlicht und eindeutig.
Auch Frank-Herbert Zaumzeil erlitt eine Hirnblutung. Die Krankheit beendete die Selbständigkeit in seinem Reichenbacher Atelier. Er wurde depressiv. Das Malen von Bildern rettete ihn. Auch dies elementar und klar.
So persönlich kann es in den 24 Gesprächen werden, die Anke und Andreas Rudloff mit 24 Künstlern geführt haben. Deren Gemeinsamkeit: "eine enge oder wenigstens platonische Beziehung zum Vogtland", was immer das Gegenteil einer platonischen Liebe zum Vogtland ist. Wem das zu provinziell anmutet, der kennt sicher die Binsenweisheit, dass Provinz im Kopf beginnt.
Im gut 200 Seiten starken Buch geht es nach dem Alphabet: von Reiner Bittner über Andreas Leonhardt bis zu Frank-Herbert Zaumzeil. Dazu Fotos, die auf bemerkenswerte Art und Weise nicht nur die Ateliers, sondern auch Privates und vor allem Kunstwerke ins bunte Bild setzen.
Die Porträtfotos von jedem Künstler sind eine Klasse für sich. Gemacht haben die Aufnahmen Katrin Junker-Lützkendorf, Andreas Rudloff oder die befragten Künstlerinnen und Künstler selbst. Inhaltlich sind die Beiträge gegliedert in übersichtliche Abschnitte. Versehen mit Überschriften wie: Kunst und Biografie; Kunst und Existenz; Kunst und Zeitgeist; Kunst und Kommerz und so weiter.
Elke Wolf, deren Bildgewebe, aber auch Grafiken und Aquarelle von besonderer Schönheit sind, sagt zum Stichwort Kunst und Provinz: "Für mich ist Provinz nicht negativ. Es ist der intime Rahmen, in dem ich mich wohlfühle und in dem ich produktiv sein kann."
Karin und Klaus Helbig, bekannt durch ihre Kombination von Metall- und Textilkunst, antworten auf die Frage nach Vorbildern: "Gestalterisch haben wir uns gegenseitig beeinflusst. Für uns gab es niemand, der als Vorbild in dem Sinn hätte herangezogen werden können." Sie nennen die konkrete Kunst, die es ihnen angetan habe. Zum Thema Kunst und Vogtland äußert sich der Metall- und Emailegestalter Peter Luban. "Ideal ist das Klima für Kunst noch nicht. Es könnte besser sein. Aber wahrscheinlich wird es überall ähnlich sein." Von Stephan Klenner-Otto aus Neudrossenfeld ist zu hören: "Wenn (früher) ein Künstler ausstellte, war das noch etwas Besonderes. … Heute stellt jeder Blödel seine Sachen in der Apotheke oder Sparkasse aus." Zu erfahren ist von Reiner Bittner, dass er 1997 alle seine Bilder verbrannte ("alles gruseliges Zeug"), das war eine Wende in seinem Leben, "eine persönliche Gottesbegegnung. Heilung in jeder Beziehung." Mathias Heck lernte bei seinem Vater den Beruf des Silberschmiedes; er setzt diese Tradition in fünfter Generation fort. Nachdenklich stimmt seine Bemerkung: "Mir ist Ehrlichkeit ein ganz wichtiges Gut und deshalb kam ich in der DDR nicht zurecht."
Im Vorwort versprachen die Interviewer Inspiration und Lustgewinn. Wer sich selbst zum Künstler berufen fühlt, bislang aber zurückhielt, kann nach der Lektüre vor allem der biografischen Zeugnisse durchaus die Lust gewinnen, sich für ein Bild, eine Zeichnung oder eine andere Kreation inspirieren zu lassen. Und damit hätte das Buch nach vielerlei weiterem Gewinn auch seine gemachten Versprechen eingehalten.