Geschichte zum Anfassen

Oelsnitz/Pabstleithen - Stacheldraht, Landminen, schussfreie Zonen, Panzergräben, Kolonnenwege, Grenzsicherheitsaktive, Wachtürme, Selbstschussanlagen, Sperrzonen, Signalanlagen, Kontrollposten, Passierscheine, Grenzkompanien . . . Bis 1989 waren in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) viele Dörfer an der Grenze zur imperialistischen Bundesrepublik Deutschland (BRD) weitestgehend abgeriegelt.

Schlimmer noch: Menschen sind über Nacht ausgesiedelt worden, und ihre Häuser wurden gnadenlos abgerissen. Kaum noch vorstellbar für 53 Schülerinnen und Schüler des Oelsnitzer Julius-Mosen-Gymnasiums, die sich am Freitag das ehemalige Grenzgebiet bei Pabstleithen im Rahmen einer Exkursion angeschaut haben. Eichigts Bürgermeister Christoph Stölzel, Günter Eichorn aus Pabstleithen und der Oelsnitzer Eberhard Wunderlich klärten die Teenager über diese für sie unbekannte Zeit auf.

Wenn Günter Eichhorn heute aus seinem Wohnzimmer ?????? "Einwohner sind über Nacht ausgesiedelt worden." Günter Eichhorn ?????? gen Böhmen schaut, dann hat er auch einen mit Gras und Gestrüpp überwachsenen Hügel im Blick. Darunter begraben sind die Reste seines Elternhauses. Er erinnert sich an die ersten Maßnahmen 1952. "Einwohner, die den Vorstellungen des Staates nicht entsprochen haben, sind über Nacht ausgesiedelt worden." Mergner, Dresch, Degenkolb, . . . viele fleißige Familien hätten unter fürchterlichen Umständen ihre Heimat verloren.

1961 sei der Streifen am böhmisch-bayerisch-sächsischen Dreiländereck dann vermint worden. Die DDR-Grenze sei "mit einem antiimperialistischen Schutzwall" gegen "die Störmaßnahmen des Kapitalismus gesichert" worden. Der heimatgeschichtlich interessierte Pabstleithener zeigt den Gymnasiasten Fotos und erklärt: "Hier ging der Zaun lang, bis hoch zur Ostsee, . . . dort oben ein Wachturm, auf der nächsten Höhe der nächste Wachturm . . . das Grenzgebiet ist von allen Seiten bewacht worden, . . . wir durften nicht mal in den Nachbarort nach Posseck,  . . . verstanden hat das niemand."

Verstehen kann das auch der 76-jährige Eberhard Wunderlich nicht. Vor der von ihm gestalteten Gedenktafel berichtet er über die Aktionen "Kornblume" und "Ungeziefer". Er hebt die Hand, zeigt auf eine große Wiese und sagt: "Hier stand mein Elternhaus, über fünf Generationen hat meine Familie hier gelebt." So genanntes Ungeziefer sei beseitigt worden. Eine Folge: "Das Dorf ist geteilt worden - in Ausgesiedelte und die, die bleiben durften." Eberhard Wunderlich spricht von "Brüchen bis in die Bekanntschaft und Verwandschaft" hinein. Und über Gerechtigkeit, Recht und Unrecht.

Die 53 Gymnasiasten hören zu, stellen Fragen, fotografieren. Allesamt sind sie nach der Wende geboren. Grenz-Kontrollen, Aussiedlung und Vertreibung? Ja, ja, das gab?s mal. Früher! Exkursionen wie die der Oelsnitzer Schule bewahren vor dem Vergessen. Und sie relativieren das heute scheinbar Selbstverständliche.  C. S.