Gertraud Schwarz geht in den Ruhestand

Auerbach - Mit Leib und Seele Kinderärztin, das war und ist Sanitätsrätin Gertraud Schwarz. Am 17. März sperrt die 71-Jährige ihre Praxis in Auerbach zu und geht nach 48 Arbeitsjahren in Ruhestand.

 

Kinderärztin Schwarz hört auf: Diesen Satz vernahm man in den vergangenen Jahren so manchen Patienten bedauernd munkeln. Doch ganz so eilig hatte es Gertraud Schwarz dann auch wieder nicht. Wie etliche über 70-jährige Mediziner aus dem Vogtland, wollte auch sie so lange den weißen Kittel anbehalten, bis ein Nachfolger gefunden wurde. "Einfach so schließen, das konnte ich nicht", gesteht Frau Schwarz.

 

Und sie erzählt von ihrer jahrelangen Suche nach einem Nachfolger, dass sich schon verschiedene Kandidatinnen für die Praxis erwärmen konnten - diese aber dann leider doch immer absagten. Mit Dr. Antje Ungethüm, vielen bekannt als Jugendärztin im Vogtlandkreis, ist nun die Nachfolge der Praxis in der Reumtengrüner Straße im Auerbacher Neubaugebiet gesichert. Nach einer Renovierungspause wird die Praxis im April wieder öffnen.

Die kleinen Patienten aus Auerbach und Umland bleiben dann ärztlich nicht unversorgt - und das beruhigt Gertraud Schwarz ungemein. "Ich merke schon, dass ich älter werde. Nach so einem Tag in der Praxis bin ich sehr gestresst." Andererseits werde sie wohl all die Kinder vermissen. "Ich habe einen wunderschönen Beruf", schwärmt Gertraud Schwarz. 1949 kam Gertraud Schwarz mit ihren Eltern nach Auerbach.

 

Die Familie stammte aus Ostpreußen. Nach ihrer Schulzeit in Auerbach studierte die junge Frau in Rostock Medizin und kam 1965 ins Vogtland zurück. 1967 begann sie mit ihrer Facharztausbildung am Krankenhaus Obergöltzsch. Gertraud Schwarz war 32 Jahre alt, als sie Fachärztin an der Seite von Frau Dr. Kahl in der Poliklinik in der Breitscheidstraße wurde. Schon Anfang der 70-er Jahre zogen beide Ärztinnen ins Auerbacher Gartenhaus um - dort, wo heute Verkehrsverbund und Tourismusverband ihren Sitz haben. Letzte Poliklinik-Station war die Albert-Schweitzer-Straße im Neubaugebiet - bis dieser Block schließlich abgerissen wurde. Mit Grausen denkt Gertraud Schwarz an die Wendezeit zurück. Die Polikliniken lösten sich überall auf, und die Ärzte mussten selbst ihre Praxen gründen. "Ich war ein Poliklinik-Mensch. Mit anderen Ärzten in einem Haus, das hat mir immer gefallen." Ab 1991 musste sich die Medizinerin um alles selber kümmern - vom Klopapier bis zum medizinischen Gerät. "Es war schlimm für mich. Ich bin von einer Weiterbildung zur anderen, musste mich am Computer fit machen", erinnert sie sich.

Zu DDR-Zeiten, ja da habe sie mehr medizinisch arbeiten können. Heute nehmen Arbeiten am Computer, Schreibkram, Abrechnungen und Ärger mit Budgetierungen immer mehr Platz ein. Auch das Patientenbild hat sich gewandelt. Galt es vor Jahrzehnten noch, viele Infekte zu behandeln, steige die Zahl verhaltensgestörter Kinder aus oft zerrütteten Familien. Dass sie Mutti einer Tochter sein durfte, die sie allein aufzog, bezeichnet die Ärztin als Vorteil. So habe sie sich als Mutter immer gut in die Probleme anderer Mütter und deren Kinder hineinversetzen können. In den nicht einfachen Nachwendejahren sorgte eines immer für Halt. Das Praxisteam um ihre beiden guten Seelen Christina Stöhr und Silke Schäfer. "So ein Team kriegt man nicht wieder", meint Schwester Christina, die seit 36 Jahren der Frau Doktor zur Hand geht. Silke kam zur Wende hinzu - und das ist immerhin auch schon 20 Jahre her. Und auch Gertraud Schwarz weiß ihre "Familie" zu schätzen.

Wird ein kleiner Patient ins Behandlungszimmer gerufen, so sind auch dessen Eltern der Ärztin oft keine Unbekannten. "Auch ich war als Kind schon bei Frau Schwarz", erinnert sich Jana Frost, Mutti der fünfjährigen Nele. "Frau Schwarz hatte immer eine besondere Gabe, sich in die Kinder hineinzuversetzen", sagt Schwester Christina anerkennend - traurig, dass ein Stück der "Familie" nun auseinandergeht. Gertraud Schwarz ihrerseits freut sich auf den Ruhestand. Da gibt es Zeit, um mit ihrem Lebensgefährten Konzerte zu besuchen, Reisen zu machen, Kreuzworträtsel zu lösen. Nur der Dienstagnachmittag gehört noch der Praxis. Für einige Zeit wird sie Dr. Antje Ungethüm noch zur Seite stehen. Cornelia Henze