General bei Hitler und Ulbricht

Es sind geradezu Kostbarkeiten, die einem in der bücherspendenden Telefonzelle vor Augen liegen können. und nur noch mitgenommen werden müssen. Auch wenn das manchmal schwerfällt, denn mitunter ist der Wälzer ganz schön dick.

Von Lutz Behrens

Plauen Vincenz Müller. So harmlos der Name, so eher unbekannt die Person. Dabei schaffte es der Generalleutnant zum Stellvertretenden Oberbefehlshaber der 4. Armee der Wehrmacht. In der DDR wird er Stellvertretender Minister des Inneren, später für Verteidigung. Sein biografisches Credo: "Ich fand das wahre Vaterland".
Vor Zeiten hätte ich es mir nicht angeschafft, jetzt hat es historische Patina angesetzt, liest sich als käme es aus anderen Welten. Was es ja auch tut.
Erschienen im Deutschen Militärverlag (1963), dessen Logo martialisch einen halben Gewehrlauf mit Seitengewehr zeigt, den das stilisierte DMV als flatternde Fahne schmückt. Der Autor wird angekündigt in vollem Wichs: Generalleutnant a. D. Vincenz Müller. Der Titel sehr pathetisch: "Ich fand das wahre Vaterland". Das Vorwort findet kein Ende, und wenn man es (inzwischen) nicht besser wüsste, nähme man alles für bare Münze.
Es strotzt von historischen Wunschvorstellungen, Geschichtsklitterungen und Beweihräucherung: ein Sünder, der Buße tut (und nicht nur in der Bibel mehr Freude weckt als neunundneunzig Gerechte). Wer also war Vincenz Müller?
Im Personenlexikon "Wer war was vor und nach 1945" kommt er vor als Generalmajor, obwohl im März 1943 zum Generalleutnant befördert. Im Lexikon lesen wir weiter: "1933 bis 1937 im Generalstab der Wehrmacht. Im Zweiten Weltkrieg unter anderem Chef des Stabes des Armeeoberkommandos 17 (Selektion sowjetischer Kriegsgefangener); 1944 Befehlshaber des XII. Armeekorps in Russland und Stellvertretender Oberbefehlshaber der 4. Armee".
Er geht 1944 freiwillig in sowjetische Kriegsgefangenschaft, wird Mitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland und im Bund Deutscher Offiziere. Nach 1945: Chefinspekteur der Volkspolizei, ab 1952 Vizepräsident der Volkskammer, stellvertretender Minister des Inneren und 1956 stellvertretender Verteidigungsminister der DDR. Auch in "Wer war wer in der DDR?" kommt Vincenz Müller vor. Es muss nichts wiederholt, es kann aber durchaus ergänzt werden.
Mit dem Hinweis: "Juli 1944 Einstellung des Kampfes beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte". Auch dass er durch ein NS-Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Oder, dass er 1955/56 im Auftrag der Regierung Gespräche mit Bundesminister Schäffer über eine Konföderation führte. Als auf Beschluss des Politbüros der SED (15. Februar 1957) fast alle ehemaligen Offiziere der Wehrmacht aus der NVA entlassen und pensioniert wurden, ist im Februar 1958 Müller dabei. Dann: "1961 Suizid".
Im Vorwort der Biografie wird die "Einstellung des Kampfes 1944" gewürdigt: "Als erster deutscher General nahm er mit diesem Befehl offen gegen Hitler Stellung, der ausdrücklich angeordnet hatte, dass bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone gekämpft werden müsse. Als einziger deutscher General kapitulierte er nicht nur für sich und seine engere Umgebung - wie andere Generale vor und nach ihm -, sondern für einen großen Verband, für das Gros der 4. Armee." Zu erfahren ist, dass Vincenz Müller und Arno von Lenski die ersten Wehrmachtsgenerale waren, die an einem Lehrgang an der Antifaschule in Krasnogorsk teilnahmen. Er entscheidet sich für die DDR.
In der National-Demokratischen Partei Deutschlands (der NDPD, in der auch NSDAP-Parteigenossen, Wehrmachtsoffiziere und Berufssoldaten ihren Platz fanden) macht Müller Karriere: Politischer Geschäftsführer, Stellvertretender Vorsitzender und Mitglied des Hauptausschusses dieser Blockpartei. "Die Deutschen" seien danach zu messen, so Müller damals, "was sie aus der Vergangenheit gelernt haben, welchen Beitrag für die Erfüllung nationaler Aufgaben zu leisten sie gewillt und befähigt sind". Klingt gut, oder?
Nach dem 100seitigen (!) Vorwort beginnt die Biografie Müllers in den Julitagen 1914, die er als Fähnrich in Ulm im Garnisonslazarett verbringt. Im September 1931 enden die Aufzeichnungen. Spannend lesen sich seine Zeitzeugenberichte. Zum Beispiel zum sogenannten Preußenschlag (Juli 1932), zum "Röhm-Putsch" 1934, zu frühen Verschwörungen gegen Hitler im Spätherbst 1939 oder zum Überfall auf die Sowjetunion (22. Juni 1941).
Ein Vorwort von 100 Seiten
Es folgen schwer lesbare Artikel, die Müller zum zweiten Jahrestag der Gründung der DDR für die National-Zeitung (Zeitung der NDPD) verfasst hat. Ähnlich klingt ein Beitrag, den er vor einer Jahresversammlung der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft hält. Er ist Mitglied des Zentralvorstandes. Es folgt ein kritischer Brief an den ehemaligen Generaloberst Franz Halder. Der hatte die Broschüre "Hitler als Feldherr" verfasst. 1956 beschäftigt sich Müller in einem Artikel mit den Unterschieden zwischen Bundeswehr und NVA.
Das Buch endet mit einem Beitrag Müllers (vom 1. März 1957) als Stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung der DDR. Auf den Selbstmord wird mit keinem Wort eingegangen. u lesen sind - nicht ohne Erkenntnisgewinn - die intellektuellen Verrenkungen eines Stückes politischer Bekenntnisliteratur.