Geiselnahme als Bewährungsprobe?

Weil er dem Motorradklub MC Gremium Geld schuldete, wurde ein Plauener verschleppt und bedroht - Bei dem neu angesetzten Verfahren vor dem Landgericht Zwickau beschuldigten sich die Angeklagten am Dienstag gegenseitig.

Zwickau/Plauen - Die erste Hürde hat das Strafverfahren wegen Geiselnahme, gefährlicher Körperverletzung und unerlaubtem Waffenbesitzes gegen vier Plauener, allesamt Mitglieder des inzwischen verbotenen Motorradklubs MC Gremium, am Dienstag genommen. Das Datum auf den verschiedenen Kopien der Anklageschrift stimmte überein. Weil das im ersten Anlauf im Mai 2013 nicht so war, musste das Verfahren vor dem Landgericht Zwickau damals ausgesetzt und acht Monate später neu begonnen werden. Am Sachverhalt selbst hat sich zumindest aus Sicht der Staatsanwaltschaft nichts geändert.

"Wissen nicht, ob du das hier überlebst"

Am 24. Februar 2012 wollten laut der Anklageschrift Daniel G., Sebastian G., Nils S. und Marcus F. bei einem ehemaligen Mitglied der Motorradrocker offene Mitgliedsbeiträge in Höhe von 230 Euro eintreiben. Weil das Opfer das Geld nicht hatte bezog es zunächst Prügel, bevor das Quartett mit ihm an eine "ruhige Stelle" in der Nähe einer Kläranlage fuhr. Dort, so die Staatsanwaltschaft, sollen die Vier erneut gewaltsam mit Schlägen und Tritten versucht haben ihn zur Zahlung zu bewegen. Dabei sollen die Worte "Wir wissen, nicht ob du das hier überlebst" gefallen sein, auch das Abschneiden eines Fingers sei in Erwägung gezogen worden. Schließlich hatte das Opfer einen Gegenstand an seinem Kopf gespürt, der sich wie der Lauf einer Waffe angefühlt haben soll. Erst als er telefonisch von seiner Schwester die Zusage bekam, ihm 100 Euro zu leihen, sei er freigelassen worden. Zu der für den selben Abend geplanten Geldübergabe kam es nicht mehr, weil das Opfer die Polizei informiert hatte.

Das sehen die Angeklagten völlig anders - sofern sie sich überhaupt zum Tatgeschehen äußern. Am Deinstag gab nur Daniel G. seine Sicht der Dinge zum Besten. Alle anderen machten von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch. Sebastian G. sprach lediglich über den illegalen Waffenbesitz. Nach der Aussage des 28-jährigen Plaueners Daniel G. handelte es sich bei der Tat um eine Art Bewährungsprobe für ihn. Er habe beweisen müssen, dass er zur Truppe gehörte.

Jeder schiebt die Schuld auf den anderen

Dazu hätten ihn seine Kumpels gedrängt. Mit einem Schlüssel seien sie in die Wohnung des "Schuldners" gelangt und danach habe er ihn zwei bis drei Mal mit der flachen Hand und der Faust geschlagen, bevor andere das "Weitere" übernommen hätten. Anschließend habe man ihr Opfer zur Mitgliederversammlung in die "Life Style Bar", die Marcus F. gehörte, bringen wollen, wo er erklären sollte warum er seit Wochen nicht mehr zu den Klubtreffen erschienen war und wie er sich den Ausgleich der offenen Forderung vorstelle. "Doch dort war noch keiner", sagte G., der nach eigenen Angaben heute keinen Kontakt mehr zu den ehemaligen Freunden hat. Darauf hin habe er den Auftrag erhalten an "einen ruhigen Ort zu fahren". Und auch dort will G. nicht mehr geschlagen, höchstens noch einmal geschubst haben. Er belastet vor allem den Präsidenten des Rockerklubs Marcus F.

Von Todesdrohungen weiß der Angeklagte nichts und die angebliche Waffe war nach seiner Aussage ein Holzstock. Als der Richter ihm vorhielt dass er bei der Polizei eine andere Aussage gemacht habe versicherte Daniel G., dass es diesmal die Wahrheit sei. Im April 2012 wollte er an der Aktion gar nicht beteiligt gewesen zu sein und zur Tatzeit Bankgeschäfte erledigt haben. Genau diese Widersprüche stellen das Gericht vor ein Problem. Das haben auch die Verteidiger sehr schnell erkannt und versuchen, jeder für seinen Mandanten, daraus Kapital zu schlagen. Daher wäre das Verfahren am Dienstag beinahe wieder nicht in Gang gekommen.

MC-Gremium-Rocker im Clinch mit Hells Angels

Gleich zu Beginn stellten die Anwälte von Marcus F. Anträge, die Verhandlung, zumindest für ihren Mandaten auszusetzen und fanden dabei schnell die Unterstützung ihrer Kollegen. Die Anklage, so die Begründung, stütze sich auf Informationen von Personen, die ebenfalls auf der Anklagebank sitzen und die sich dadurch einen besseren Stand vor Gericht erhoffen. Vereinfacht ausgedrückt: Die Angeklagten beschuldigen sich gegenseitig. Um deren Angaben zu widerlegen, will die Verteidigung nun weitere Unterlagen einsehen. Darunter die Begründung zur Verfügung des Bundesinnenministers zum Verbot des MC Gremium im Sommer vergangenen Jahres. Darin sollen Informationen enthalten sein, die Rückschlüsse auf die tatsächlichen Abläufe ermöglichen und damit auch Einfluss auf die Glaubwürdigkeit von Zeugen sowie Angeklagten geben könnten.

Noch interessanter erscheinen den Anwälten die Ermittlungsunterlagen zu einem Verbrechen in Königswusterhausen bei dem ein Jugendlicher, der den Hells Angels zugeordnet wurde, fast zu Tode geprügelt wurde. Auch Mitglieder des MC Gremium werden beschuldigt, an dieser Tat beteiligt gewesen sein. Die Akten enthielten demnach Informationen, die aus einer Telefonüberwachung der Plauener Rocker stammten. Die Aufnahmen seien genau zu der Zeit entstanden, als die Inkassotour stattfand. Doch die Kammer lehnte die Anträge ab. Die Ausführungen in der Verfügung des Innenministeriums änderten nichts an den Ergebnissen der umfangreichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Und auch die Akten aus Cottbus will man nicht kommen lassen. Das Gericht habe die Glaubwürdigkeit der Aussagen in diesem Verfahren und vor diesem Gericht zu bewerten und nicht die Aussagen in einem anderen Prozess. Daher ging das gegenseitige Beschuldigen danach weiter, denn auch beim Anklagepunkt unerlaubter Waffenbesitz sieht es nicht viel anders aus. Daniel G. habe zwar von der umgebauten Vorderschaftrepetierflinte, die die Polizei bei Nils S. beschlagnahmt hatte, gewusst, will diese jedoch lediglich in der "Life Style Bar" gesehen haben.

Munition als Dekoration in der Schrankwand

Sein ehemaliger Kumpel Sebastian G. jedoch sah in Daniel G. den Waffennarren, der stets geprahlt habe, er können diverse Waffen besorgen. Mit Messern habe er sich vermutlich in Tschechien eingedeckt. Zudem habe er ein Video mit Schießübungen gesehen, auf dem Daniel G. erkennbar sei. Sebastian G. gab zu, die Munition in seiner Schrankwand stehen gehabt zu haben, weil die "dort gut aussah". Gekauft haben will er die Patronen aber nicht. Als die Polizei die "Dekorationsstücke" bei ihm beschlagnahmte, habe er sich schon nicht mehr daran erinnert, diese überhaupt noch zu besitzen. Das Verfahren wird am Montag fortgesetzt. Dann soll auch das Opfer der vier Angeklagten angehört werden.