"Gehe mit zwei lachenden Augen"

Jürgen Fritzlar und Plauener Spitzenmuseum - seit Jahrzehnten bilden beide eine Einheit. Nun gehen sie beide gewissermaßen getrennte Wege, ohne sich im Wortsinne aus den Augen zu verlieren. Er gehe mit zwei lachenden Augen, sagt Jürgen Fritzlar. Weshalb das so ist, verrät er im Gespräch.

Von Torsten Piontkowski

Plauen 17. Juni 1984. Das Spitzenfest "tobt" im Zentrum der Stadt und seiner "guten Stube" dem Altmarkt. 15.000 Besucher sind auf den Beinen, doch nicht deswegen ist eigens ein Kamera-Team des DDR-Fernsehens nach Plauen geeilt. Vielmehr soll den Bürgern in den Abendnachrichten etwas präsentiert werden, was es bisher noch nicht gab in der Republik und was später von sich in Anspruch nehmen wird, deutschlandweit einmalig zu sein: die Eröffnung des Spitzenmuseums.
Museum im schönsten
Gebäude der Stadt

Dieses Datum markiert aber nicht den ersten Arbeitstag des studierten Juristen Jürgen Fritzlar in diesem Hause. Vier Jahre vorher hält der damals 26-Jährige sein Diplom in
Händen. Er darf sich jetzt Wirtschaftsjurist nennen und in genau diesem Moment springt ihm auch noch das Glück zur Seite. "Ich hatte vier lukrative Angebote in Plauen, eines davon von der Plauener Spitze. Nach einem Gespräch mit Kurt Stubenrauch wusste ich, das isses."
"Damals", erinnert sich Fritzlar, "gaben sich Leute wie Prof. Sitte, aber auch der Kulturminister in der Plauener Spitze quasi die Klinke in die Hand. Tenor: Es gibt kein Museum für Plauener Spitze, ihr müsst euch zu eurem Produkt bekennen. ‚Ich wurde also von Beginn meines Berufslebens mit dem Thema Spitze konfrontiert."
Zwei Jahre später, 1982, wurde der Beschluss gefasst, ein derartiges Museum im schönsten Haus der Stadt zu etablieren. Was Fritzlar vorfand, konnte den Optimismus freilich dämpfen. Ein Teil der Räume war als Lager zweckentfremdet, es gab kein Vitrinenglas und Vitrinenbauer gleich gar nicht.
Am Ende der beiden Jahre stand eingangs beschriebene Eröffnung in Rahmen des 25. Plauener Spitzenfestes. Und auch diese hat Fritzlar sein Leben lang begleitet. Die traditionellen Spitzenfestabzeichen besitzt er natürlich auch privat. "Wertobjekte", sagt Fritzlar schmunzelnd, "für Abzeichen aus den frühen 90er Jahren legen Sammler inzwischen um die 400 Euro hin."
Spitzenfestabzeichen
inzwischen Wertanlage

Am 21. April 1990 wird der Branchenverband Plauener Spitze gegründet, seither ist Fritzlar dessen Geschäftsführer. Und auch das dürfte ein Novum sein: Mit seinem Ausscheiden löst sich auch gleich der Verein auf. "In dem Moment, da das Spitzenmuseum unter Regie des Vogtlandmuseums agiert, also in den Kulturbetrieb der Stadt integriert wird, entfällt der Satzungszweck", erklärt der Jurist.
Denn bislang agierte das Museum als private Einrichtung mit Unterstützung der Stadt. Es sei ihm Herzensbedürfnis, allen Mitgliedern zu danken, doch ganz ohne Namen kommt er dann doch nicht aus: Dietrich Wetzel, Bernd Stubenrauch, Hans-Joachim Wunderlich, Uwe Täschner, Steffen Zenner.
"Lese ich die Gästebücher,
wird mir warm ums Herz"

Noch jemand vergessen? Er könne es sich nicht verzeihen, Renate Böhm zu vergessen, sagt Fritzlar. Die Frau an seiner (Berufs)Seite, die beste Stickerin Plauener Spitze, mit der er über Jahrzehnte die Arbeitszeit und noch zahllose Stunden darüber hinaus teilte. Den meisten der knapp 500.000 Besucher des Spitzenmuseums in all diesen Jahren begegneten sie quasi persönlich.
"Wenn ich die Gästebücher lese, wird mir warm ums Herz", sagt der scheidende Hausherr und man schaut ihm in diesem Moment einfach mal nicht in die Augen, obwohl er sich weiß Gott nicht schämen muss, dass sie ein wenig feucht scheinen.
Die Frage was danach kommt, liegt einem auf der Zunge, doch zuvor gibt es da noch die Episode Anfang der 90er Jahre. Fritzlar macht sich eines Abends gegen 22 Uhr mit dem Auto auf den Weg nach Bonn. Am morgen trifft er vor dem Kanzleramt auf zwei Herren, die ihm eine gewisse Müdigkeit attestieren, ihm aber auch die Frage beantworten, wie er zum Rechtsausschuss finde.
Grund seiner Reise: Es gab zwar "geografische Herkunftsrechte, aber keine für Industriegüter. Die waren im Einigungsvertrag schlicht nicht enthalten. Das aber hatte enorme Auswirkungen für die Plauener Spitze. "Die Eintragungsurkunde der Plauener Spitze als geschützte Marke war für mich der schönste Moment in all den Jahren. Darauf bin ich schon stolz", sagt Fritzlar. Eine weitere Urkunde hinter Glas hängt an der Wand hinter seinem Schreibtisch: Die Eintragung als geschützte Marke in den USA.
Apropos große weite Welt. Ja, er sei ganz schön rumgekommen, sagt Fritzlar. "Allerdings nicht zu DDR-Zeiten, ich war kein Reisekader."
Und nun, über drei Dutzend Spitzenfeste, 20 Tauschbörsen und neun Spitzenprinzessinen später?
Liquidator
seines Lebenswerkes

Er habe die reizvolle Aufgabe des alleinigen Liquidators des Vereins, sagt er und das "reizvoll" meint er durchaus ernst. "Es handelt sich ja nicht um eine Insolvenz, sondern einen vermögenden Verein." Wenn nichts mehr da ist, sei eine solche Liquidation einfach. Im konkreten Fall handelt es sich um 300.000 textile Kostbarkeiten, einschließlich Barem. Er werde also die nächsten zwölf Monate weiter im Museum anzutreffen sein, avisiert Fritzlar, bis am Ende "das Museumsvermögen ausgekehrt" ist. Und das ist keine Sprachschöpfung des Hausherrn, sondern vielmehr ein juristischer Begriff. Zu diesen Kostbarkeiten gehört das schönste Ballkleid des Wiener Hofopernballes ebenso wie die Medaille des Grand Prix für Plauener Spitze zur Weltausstellung 1900 in Paris.
Zu vielen Dingen habe er eine persönliche Beziehung. Beispielsweise der kompletten Sammlung von Spitzenkleidern der 70er Jahre, 200 Unikate aus dem Salon Plauener Spitze, bestellt von und ausgeliefert an die Schönen und Reichen der DDR. Oder auch der kompletten Sammlung in der Region einst tätiger Spitzenfirmen, inklusive hochwertiger Musterbücher.
"Jedes Ende ist Neuanfang,
auf andere Art

Ob er sich in seinem Museum im Dunkeln zurecht fände? "Ich würde zwar ab und zu mal stolpern wie Willi Schwabe in seiner Rumpelkammer, aber ich käme schon klar", lacht er. All zu viel Platz sei ja auch nicht, spielt Fritzlar auf die Tatsache an, dass das Spitzenmuseum gerade mal über 500 Quadratmeter Fläche für Archiv und Ausstellungen verfüge.
Was aus den Räumen werde, wenn das Museum ins Weisbachsche Haus umziehe? Es wird immer ein Arbeiten im Denkmal sein. Behindertengerecht werde man die Räume wohl kaum gestalten können. Unter anderen Möglichkeiten kann sich Fritzlar in räumlicher Nähe zum Standesamt gehobene Gastronomie vorstellen.
Nicht einen einzigen Tag sei das Spitzenmuseum geschlossen gewesen, sagt dessen Geschäftsführer. Und daran werde sich auch nichts ändern wenn es ab 1. April unter der Regie des Vogtlandmuseums agiert.
"Jedes Ende ist auch ein Neuanfang, auf andere Art. Schließlich ist das Museum in aller Welt bekannt. Ich erinnere mich an eine wunderbare Zeit".