Gegen Kartell politischer Korrektheit

Kokoschins Reise. Das ist der unspektakuläre Titel des neuen Romans von Hans Joachim Schädlich. Doch dieser Eindruck täuscht. Schädlich erzählt darin auf knapp 200 Seiten nicht mehr und nicht weniger als die von totalitären Systemen geprägte Geschichte des 20. Jahrhunderts. An Hand der Biografie und einer Reise eines fast Hundertjährigen.

Fjodor Kokoschkin, emeritierter Biologieprofessor aus den USA, fährt nach einer Europareise auf der Queen Mary 2 zurück nach New York. Geschildert werden die fünf Tage auf See. In Rückblenden erfährt der Leser vom wechselvollen, spannenden Leben Kokoschkins. Der hierzulande immer noch viel zu wenigen bekannte Autor stellte sein neues Buch Kokoschkins Reise zum Literarischen Mittwoch in der Vogtländischen Buchhandlung in Reichenbach vor.

 

Schädlich las drei Passagen seines Romans, mit einprägsamer, die vielen Dialoge seines Buches ohne angestrengtes Bemühen meisternder Stimme. Kokoschkin, so Schädlich, sei eine authentische Person. Als Mitglied der Provisorischen Regierung Kerenskis wurde er 1918 von den Bolschewisten auf dem Krankenbett mit dem Bajonett erstochen. Fjodor Kokoschkin jedoch, die Hauptfigur seines Romans und fiktiver Sohn des russischen Ministers, hätte er erfunden. Dieser Kokoschkin, in Petersburg geboren, werde durch den Mord an seinem Vater zu "einem natürlichen Antibolschewisten", wie es Schädlich nannte.

Als Kokoschkin, der mit seiner Mutter vor den Roten erst aus Petersburg, dann aus Odessa fliehen muss, Anfang der Dreißigerjahre in Berlin studiert, verlässt er die Stadt und geht nach Prag. Es sei das totalitäre Regime des aufkommenden Nationalsozialismus, das ihn genauso abstoße wie einst die totalitäre Diktatur der Bolschewisten in Russland. "Ich wollte in meinem Roman die beiden totalitären Regime des 20. Jahrhunderts an einer Figur deutlich machen", erklärt Hans Joachim Schädlich. Zudem sei der Begriff der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" irreführend und "das größte Lügenmärchen, das die Bolschewisten erfunden hätten".

 

Diese "Revolution" sei ein Militärputsch gewesen, der die Provisorische Regierung Kerenskis beseitigte. Schädlich weiß, dass er mit solchen Aussagen gegen "das Kartell der politischen Korrektheit" verstoße. Gäbe es doch vor allem aus dem linken Lager genug Stimmen, die diese Gleichstellung von Nationalsozialismus und Kommunismus ablehnten; aber Schädlich stellt fest, dass es Forschungen gäbe, nach denen die Zahl der Umgekommenen in den sowjetischen Gulags die der in den KZs Ermordeten weit übersteige. Doch, das setzt der Autor hinzu, an einer solchen Rechnung wolle er sich nicht beteiligen. Wozu er sich jedoch ausdrücklich bekenne, dass sei seine Absicht gewesen, mit dem Roman Kokoschkins Reise "Tabus zu brechen".

 

Wer das Buch liest, wird gefesselt sein von einer spannenden Biografie. Er wird auch seinen Genuss an der lakonischen Ausdrucksweise, den sparsamen Dialogen und der Dichte des Geschilderten haben.  M.B.