Gegen eine Hochspannungsleitung bei Falkenstein

Theuma - Eine 13 Kilometer lange 110-KV-Freileitung mit 48 Masten will der Netzbetreiber von Envia M zwischen den Umspannwerken von Falkenstein und Droßdorf (Industriegebiet Johannisberg) für rund 5,7 Millionen Euro errichten. Widerstand regt sich wie bei Stuttgart 21.

 

Eine Kopfwäsche verpassten die Besucher des Bürgerforums Dienstagabend im Gemeinschaftshaus von Theuma den Vertretern von Envia Netz. Eine 13 Kilometer lange 110-KV-Freileitung mit 48 Masten will der Netzbetreiber von Envia M zwischen Falkenstein und Droßdorf für rund 5,7 Millionen Euro errichten. Baubeginn soll möglichst noch dieses Jahr sein. Doch kaum wurde das Vorhaben Anfang Dezember bekannt, gründete sich eine Bürgerinitiative, welche die Hochspannungsleitung ablehnt und die Verlegung eines Erdkabels forderte - wir berichteten.

Rund 200 Leute aus den vier Gemeinden des Verwaltungsverbands Jägerswald, darunter Bürgermeister und Gemeinderäte, folgten der Einladung von Envia Netz und der Verbandsvorsitzenden Carmen Funke. Schon eineinhalb Stunden zuvor hatten Unternehmen und Lokalpolitikerin die Presse zum Gespräch gebeten. Man befinde sich "im Vorverfahren" für die 110-KV-Freileitung.

Envia Netz-Pressesprecher Stefan Buschner, Technischer Geschäftsführer Dr. Adolf Schweer, Matthias Ehrlich, der Leiter der Hochspannungsnetzplanung, und Uwe Kramer, Leiter der Netzregion Süd-Sachsen, stellten die beiden Trassen-Varianten für die Hochspannungsfreileitung vor und äußerten sich zu Entschädigungen für Flächeneigentümer. Die wirtschaftliche Entwicklung des Vogtlands fordere den Ausbau des Stromnetzes, 90 Megawatt Leistung würden zusätzlich benötigt. Die Erdverkabelung wurde geprüft, aber als wirtschaftlich nicht vertretbar eingestuft. Kosten verdoppeln sich. Wegen des überraschend starken Widerstands aus der Region rechne Envia Netz inzwischen nicht mehr mit einem Baubeginn dieses Jahr, sagte Ehrlich, der rund zehn Monate reine Bauzeit veranschlagt, "ein sportliches Ziel".

"Es ist noch keine Entscheidung getroffen", betonte Frau Funke anschließend im Bürgersaal. Die Gemeindevertretungen, die im Planfeststellungsverfahren als Träger öffentlicher Belange ihre Stellungnahme abgeben, werden nicht am Bürger vorbei entscheiden. Einwände vorbringen im Verfahren könne aber auch jeder Bürger, der sich betroffen fühlt.

"Das Raumordnungsverfahren läuft seit April 2010", informierte Kramer. Nach dessen Abschluss im Frühjahr sollen die konkreten Pläne bekanntgegeben werden. Wegen eines Einspruchs des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie müsse das Unternehmen nun über eine geringfügige Änderung der Vorzugstrasse nachdenken, die von Falkenstein über Jahnsgrün bei Mechelgrün, die Neumühle bei Theuma, Juchhöh bis Altmannsgrün/Droßdorf verläuft. Granitlagerstätten im Raum Theuma sollen nicht überbaut werden. Die bevorzugte Freileitungs-Variante folgt bis Mechelgrün der Schneise einer alten Leitung, die abgebaut werden soll.

In der Diskussion nahmen die Bürger kein Blatt vor den Mund. Um den Naturschutz, den Eingriff in die Landschaft, das eigene Wohl und das der Kinder und Kindeskinder drehen sich die Sorgen der Menschen. Die Krebsgefahr durch Elektrosmog treibt Irene Pfauth um. "Tagtäglich macht der Envia-Konzern Millionengewinne, aber Sie sind nicht bereit, auf die Gesundheit der Menschen einzugehen. Wir werden uns wehren, da erleben Sie Stuttgart 21", kündigte die Droßdorferin an.

"Dass Sie sich weigern, Überlegungen zur Erdverkabelung anzustellen, das entlarvt Sie", kritisierte Achim Ludwig aus Juchhöh das Unternehmen. Höheren Kosten beim Bau des Erdkabels stellte er Übertragungsverluste einer Freileitung gegenüber und prophezeite Widerstand "in großer Breite" gegen das Envia-Vorhaben. "Ersparen Sie uns den Zahlenfriedhof", unterbrach er Netzplaner Ehrlich, der Grenzwerte für elektromagnetische Felder mit den tatsächlich gemessenen niedrigeren Werten von "Mikrotesla" unter einer Freileitung verglich. "Wir bezahlen genug Geld für Strom. Organisieren Sie das Geld für das Erdkabel. Technische Probleme interessieren uns überhaupt nicht. Die haben Sie zu lösen", forderte Claus Häßler. "Friss-Vogel-oder-Stirb-Politik" ist für ihn das Vorgehen von Envia. "Ohne auch die Kabel-Variante untersucht zu haben, können Sie nicht unter die Bevölkerung gehen. Das ist eine ausgesprochen schwache Vorstellung eines großen Unternehmens. Machen Sie Hausaufgaben", empfahl er. Gemeinderat Ulrich Riedel aus Theuma sieht in den Äußerungen der Bürger "den klaren Auftrag, mit den Planbehörden die Erdverkabelung auf den Weg zu bekommen".

Der Oelsnitzer DSU-Kreisrat Ulrich Lupart mahnte Ehrlichkeit an. Die Freileitung würde doch gebaut, um die Firma Hetzner in Falkenstein anzuschließen - ein Rechenzentrum. Er will das Vorhaben im Kreistag zur Sprache bringen. Im Pressegespräch hatte Envia argumentiert, die Investition eines Unternehmens im Industriegebiet Taltitz (Solarbranche) sei wegen der mangelhaften Energieversorgung gescheitert. Tatsächlich hatte der vorgebliche Investor die Finanzierung nicht auf die Beine gebracht.

Matthias Ehrlich bezifferte den Bau eines Erdkabels mit 13 Millionen Euro. Die fast acht Millionen Euro Unterschied zur Freileitung "sind kein Pappenstiel", meinte er. Auch ein Erdkabel mit seinem etwa vier Meter breiten Schacht sei ein Eingriff in die Landschaft. Die Envia-Männer im Präsidium bewahrten Ruhe, eisiger im Laufe des Abends wurden die Mienen. Pressesprecher Buschner versprach nach rund zwei Stunden, alle Argumente mitzunehmen und die Kreisebene zu informieren. "Bei der nächsten Zusammenkunft haben wir die Kabelvariante da", kündigte Geschäftsführer Dr. Schweer an, der im Publikum saß. In etwa sechs Wochen werde Envia zur nächsten Diskussion einladen. Im Vorfeld soll es zu einem Gespräch unter Vorlage von Zahlen mit den Bürgermeistern und Vertretern des Landkreises kommen. Untersuchen lassen will Scheer zwei Varianten für Erdverkabelung, sagte er auf Anfrage, darunter die Verlegung entlang dem neuen Radweg von Falkenstein nach Oelsnitz.