Gegen das Vergessen - Treffen mit Holocaust-Zeitzeugen

Es ist etwas Besonderes, Menschen zu treffen, die die Todesfabriken der Nazis erlebt und überlebt haben. Achtklässler der Trützschler-Oberschule in Falkenstein hatten jetzt diese Möglichkeit.

Falkenstein - "Liebe Kinder" - es sind die einzigen Worte, die Naum Kerpileviych in der Sprache seiner ehemaligen Feinde sprechen kann und sichtlich bewegt folgen die rund 60 Achtklässler in der Aula der Trützschler-Oberschule Falkenstein seiner in Russisch vorgetragenen und von einer Dolmetscherin übersetzten Lebensgeschichte.

Naum Kerpileviych hat den Holocaust überlebt. Er ist einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Massenmords an den europäischen Juden. Sieben Jahre war Naum Kerpileviych alt, als die deutsche Wehrmacht am 22. Juni 1941 in die damalige Sowjetunion einfiel und die mit ihr verbündeten Rumänen nur wenige Wochen später das Gebiet um Winniza in der Ukraine besetzten und sein Heimatort Berschad in ein Ghetto umgewandelt wurde. Dass die Rumänen kamen, war für Kerpileviych und seine Familie sogar die Rettung.

Dort, wo die deutschen Einsatzkommandos der SS hausten, wurden die Juden zusammengetrieben und wenn sie nicht gleich getötet wurden, kamen sie in eines der Massenvernichtungslager, "dass nur durch den Kamin verlassen werden konnte". Die rumänischen Faschisten verhielten sich dagegen "harmloser" und überließen die ukrainischen Juden ihrem Schicksal. Auch dem Befehl zur Liquidierung des Ghettos vor Eintreffen der Roten Armee im März 1944 widersetzten sie sich.

5.000 Juden lebten vor dem Krieg in Berschad, bereits wenige Wochen nach Einrichtung des Ghettos stieg ihre Zahl auf 22.000, von denen nur die Hälfte den ersten Winter überlebte. Auch seine Mutter erkrankte in dieser Zeit an Typhus und verdankte ihr Leben nur der Hilfe von Freunden und einer Widerstandsgruppe, der sich der Vater angeschlossen hatte, schilderte der 80-Jährige den Schülern.

Durch das Radio der Widerständler erfuhren sie auch von den Niederlagen der Deutschen in Stalingrad und Kursk. "Das gab uns Hoffnung und Zuversicht, zumindest bis die Widerstandsgruppe durch Verrat Anfang 1944 entdeckt wurde." 300 Männer, darunter auch Naum Kerpileviychs Vater, wurden verhaftet, der Gestapo übergeben und am 7. März 1944, nur sieben Tage vor der Befreiung des Ghettos, von der SS erschossen.

Nach dem Krieg holte Kerpileviych die Schule nach, wurde Ingenieur, heiratete und leitete einen Betrieb für Bergbauausrüstung. Seine Frau Elizaveta, ebenfalls Jüdin, entging dem Terror 1941 nur durch die rechtzeitige Evakuierung nach Sibirien. Das Ehepaar fand mit ihrer Auswanderung 1995 ihr neues Zuhause in Israel, wo bereits ihre Kinder und Enkel lebten. In Netania, nördlich von Tel Aviv an der Mittelmeerküste gelegen, leitet Kerpileviych heute einen Verein von Überlebenden des Holocaust.

"Es ist eine besondere Erfahrung für die Schüler. Man hat ihnen die ehrliche Ergriffenheit ansehen können. So eine Begegnung ist mit nichts zu vergleichen und mit keinem Lehrbuch zu vermitteln", sagt Vertrauenslehrerin Martina Wohlgemuth. "Ich kenne Israel von meinen Besuchen. Nachdem ich die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem sah, schämte ich mich zutiefst, obwohl unsere Generation für das Geschehene nichts kann. Wir müssen alles dafür tun, dass so etwas nie wieder passiert", sagte die Lehrerin zu den Schülern.

Noch bis Montag ist die 10-köpfige Delegation, zu der auch Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz gehören, auf Einladung von Christen im Vogtland und sucht unter dem Leitsatz "Gegen das Vergessen" bei ähnlichen Veranstaltungen das Gespräch mit Jugendlichen.