Gebrochene Biografien

Der gebürtige Plauener Utz Rachowski, Gabriele Stötzer und Ralph Grüneberger waren zu DDR-Zeiten zumindest zeitweise ungeliebt - zumindest von der Partei- und Staatsführung. Die drei hatten es gemein, dass man sie gar hinter Schloss und Riegel brachte.

Von Ingo Eckardt

Plauen Auf Einladung des vogtländischen Geschichtsvereines waren die Drei in der Jugendherberge "Alte Feuerwache" zu Gast und erzählten ihre persönlichen Geschichten. So referierte Gabriele Stötzer, Jahrgang 1953, davon, wie sie als in die DDR Hineingeborene schon im Studium für Lehramt Deutsch/Kunst in Erfurt aneckte. Sie baute ein Studententheater mit auf und kritisierte die Studieninhalte. Das brachte sie in Verruf. "Wir wollten damals erreichen, dass sich die Lehre vertiefen lässt, dass es Meinungspluralität auch in den ML-Seminaren geben sollte. Ein entsprechendes Manifest führte zur Exmatrikulierung. Das Perfide an der DDR war, man musste sich zu Menschen distanzieren. Letztlich brachte meine Solidarisierung mit Wolf Biermann bei dessen Ausbürgerung mich ins Gefängnis", berichtet die Schriftstellerin. Sie habe nicht mehr geredet, gegessen, getrunken. Im Gefängnis habe sie eine Solidarisierung der Frauen erlebt. Nach dem Aufenthalt im Uniklinikum Erfurt, habe man sie später ins Knastkrankenhaus Moisdorf bei Leipzig verlegt. Dort wurde sie operiert, erfuhr nicht, was genau mit ihr geschehen war. Später wurde sie gar verurteilt zu einer Zuchthaus-Strafe in Hoheneck, wegen staatsfeindlicher Hetze. Vieles habe sich damals für sie verändert. "Ich wusste nicht, dass man im Gefängnis keine Periode hat und ich war eine der wenigen politischen Gefangenen, die nicht in den Westen freigekauft werden wollte", so die resolute Frau. Später wurde sie wie einst gewünscht Schriftstellerin, ihre Familie fing sie damals auf und wurde zur wichtigen Wurzel nach dem Gefängnisaufenthalt. "Ich habe mich entschlossen, bis heute über die Zeit im Knast zu sprechen. Gerade für die heutige Gesellschaft finde ich das wichtig. Wenn ich höre, dass die AfD heute postuliert, die Wende vollenden zu wollen. Die heutigen AfD-ler wenden die Wende, sie vollenden sie nicht", so Stötzer.
Auch Utz Rachowski erzählte dem knappen Dutzend Besucher seine Geschichte, für die er heute rehabilitiert ist. Er kam für kritische Gedichte in den Knast. "Mit 16 Jahren bin ich erstmals von einem Hauptmann Kummer verhört worden. Der Name war Programm. Mein Schuldirektor in Reichenbach nahm den Appell auch schon mal in Reserveoffizier-Uniform ab und trug einen Namen, dem er in der Tat gerecht wurde," erinnert sich Rachowski. Gerade diese Militarisierung in der Schule war für ihn eine Parallele zur Nazizeit, wie er einem Buch von Heinrich Böll entnommen habe.
Im Studium sei er wieder aussortiert worden und saß schließlich mit mehr als einem Dutzend anderen Vogtländern auf dem Kaßberg ein - zwei Jahre und drei Monate Haft, wegen staatsfeindlicher Hetze in Gedichtform lautete sein Urteil. Nach 14 Monaten wurde er freigekauft vom Westen. "Man wollte mich los haben. Und selbst Amnesty International hat sich für mich eingesetzt. Deshalb mache ich das heute auch für andere Inhaftierte in aller Welt", so Rachowski. Zehn Jahre dauerte sein Einreiseverbot in die DDR.
Und noch heute erinnert er sich an seine erste Reise in seine Geburtsstadt, durch die ihn sein Freund Thomas Beurich führte. Darüber las er aus seinem Buch und brachte die Gäste durchaus zum Nachdenken auch über ihre Heimatstadt damals und heute.