Fundgrube in Sachen Kunstschule

Pünktlich zur gleichnamigen Ausstellung im Plauener Vogtlandmuseum erschien die 184-seitige Publikation: Nouveautés. Kunstschule und Spitzenindustrie, erschienen im Sandstein Verlag. Eine Fundgrube!

Von Lutz Behrens

Allein der Katalogteil mit Abbildungen von Exponaten ist das Geld, immerhin kostet das Buch 24 Euro, wert. Wer sich zum Beispiel die Naturstudien betrachtet, ob von Ernst Ludwig Timmel (Flieder) oder Albin Schlehahn, der kann das hohe Niveau der Ausbildung an der damaligen Plauener Kunstgewerblichen Fachzeichenschule ermessen wie auch die Meisterschaft der beiden Schüler mit überraschtem Staunen bewundern.

Schlehhans Schülerarbeiten, die explizit als Vorbilder in der "Schule des Zeichnens und Malens von Pflanzen nach der Natur" geadelt wurden, legen davon sichtbares Zeugnis ab. Zu bestaunen sind zudem beispielhaft Entwurfszeichnungen für Tüllspitze, Mustercoupons von Künstlergardinen, hauchdünne Kragen, farbige asiatische Seidenstickereien, Tischdeckenentwürfe, zahlreiche Spitzenmuster, Colliers in Margaretentechnik, Brokatstickerei oder auch die der Mode der Zeit verpflichteten Textilstudien und Kleiderentwürfe, die an der der Kunstschule ab 1937 angeschlossenen Modeschule (in einem Neubau auf dem Gelände der Kunstschule) kreiert wurden. Und wer da glaubt, der Plauener Spitze Biederkeit vorwerfen zu können, der ist einfach blind.

In seiner Dissertation von 1996 stellte Rüdiger Flämig die Plauener Kunstschule einigermaßen verschwurbelt und mehr oder weniger ohne exakte Quellenangaben hinsichtlich "der nationalen Bedeutung" in eine Reihe mit dem Deutschen Werkbund und dem Bauhaus. Da war Skepsis angebracht. Nun gibt das Kapitel: "Verwobene Verbindungen. Das Bauhaus zu Gast in Plauen", verfasst von Konstanze Rudert, zumindest über personelle Bezüge und Gemeinsamkeiten fundiert Auskunft. So wird aus einem Brief zitiert, den am 20. November 1927 der damalige Bauhaus-Lehrer Wassily Kandinsky an den Dresdner Kunstkritiker Will Grohmann schrieb. Er bedankte sich für die Möglichkeit, an der Plauener Einrichtung ausstellen und einen Vortrag halten zu können, den Gromann eingeleitet hatte.

Unbestritten ist, dass es in Plauen drei Fachklassen gab, denen ähnlich wie am Bauhaus Werkmeister vorstanden. Zu sagen ist auch, dass unter Direktor Hanusch ein enger Kontakt zum Plauener Kunstverein zustande kam. So stellte die Kunstschule ihren Vortragssaal bereit und ermöglichte Ausstellungen. Es werden Arbeiten Emil Orliks gezeigt, der auch einen Vortrag hielt. Das Prinzip von Ausstellung und begleitendem Vortrag wurde dauerhaft etabliert. Wie gesagt, Kandinsky stellte aus und es gab Aquarelle von Paul Klee zu sehen. Im Mai 1928 zeigte Lionel Feininger seine Bilder in Plauen. Konstatiert wird zudem am Ende des Kapitels, dass "einige der … Spitzenentwürfe mit ihrer bildhaften, geometrisch-abstrakten Gestaltung in einem lebendigen Wechsel von Flächen und Linien deutliche Einflüsse der Bauhausmeister" offenbarten.

Durchaus erhellend (und nicht ohne vorstellbare aktuelle Parallelen) und mit leichtem Grusel liest sich das Kapitel: "Kulturbolschewiki. Die Entlassung von Karl Hanusch, Johannes M. Avenarius, Otto Lange und Wilhelm Heckrott 1933 - eine Chronologie"; verfasst von Kerstin Stöver. Hanusch hatte 1922 den Posten des Direktors der Kunstschule in Plauen übernommen. Er holte in den folgenden Jahren seine Künstlerfreunde Avenarius, Otto Lange und Wilhelm Heckrott an die Schule, explizit um die künstlerische Ausrichtung der Einrichtung zu befördern. Noch 1931 entschließt sich Hanusch in Plauen zu bleiben, obwohl ihn ein Ruf nach Berlin ereilte.

Dann war es zu spät. Hitler wird am 30. Januar 1933 von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt; die Hoffnung, er könne in einer Koalition gebändigt werden und der Spuk sei schnell vorbei, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil. In Plauen wird die "Machtergreifung" von den Nazis besonders intensiv zelebriert. Im Februar 33 brennt der Reichstag in Berlin, und das Unheil nimmt seinen Lauf. Mutschmann, Plauener Textilfabrikant, avanciert zum Reichstatthalter in Sachsen, wird später Ministerpräsident von Sachsen. Hanusch muss sich vorhalten lassen, "in der Schule nicht deutsche, sondern bolschewistische Kunst gepflegt und gelehrt zu haben". Professor Avenarius schreibt (am 31. März 1933) einen Brief an Geheimrat Michael vom sächsischen Wirtschaftsministerium zugunsten seines Chefs und erklärt: "Wir sind keine Förderer des Bolschewismus oder bolschewistischer Tendenzen dank unseres Herkommens." Das hatte zur Folge, dass sich die Vorwürfe auch gegen ihn und seine Professorenkollegen Otto Lange und Wilhelm Heckrott richteten.

In Plauen streiten sich (noch) die Geister. William Haller (Firma Artzt & Haller, Plauen), zweiter Vorsitzender des Fabrikantenvereins der Spachtel- und Tamburinindustrie, schwingt die Keule des Kulturbolschewismus. Hanusch wiederum greifen Arno Mocker, der Direktor der Industriewerke Plauen, und Künstlerkollegen hilfreich unter die Arme. Aber: vom 6. bis 15. Juni 1933 kommen die Professoren in Schutzhaft (!), und zum 30. September 1933 ordnet Wirtschaftsminister Georg Lenk die Kündigung der vier Professoren an. Leider verzichtet die Publikation an dieser Stelle darauf, auf die Gerichtsprozesse einzugehen, die von den Gekündigten, wenn auch ohne Erfolg, geführt wurden.

Einige Ungereimtheiten müssen noch genannt werden. So findet sich in der (sehr verdienstvollen) Liste der Schüler der Kunstschule: Gotthard Graubner. Der 1930 in Erlbach geborene Graubner machte nach seiner Ausbildung an der Meisterschule für Textilindustrie in Plauen später eine Karriere als Kunstprofessor in Düsseldorf und als bildender Künstler mit seinen "Kissenbildern". 1995 fungierte er an der Internationalen Sommerakademie in Plauen als künstlerischer Leiter und tat dies nochmals ein Jahr später gemeinsam mit dem ehemaligen Kunstschüler Karl-Heinz Adler. Warum aber heißt es bei Graubner in der Publikation: Lebensdaten unbekannt? Auch Friedbert Ficker besuchte, wenn auch nur kurz, die Kunstschule. Warum taucht er bei den Schülern nicht auf?

Nimmt man alles in allem, dann liegt uns mit der Publikation Nouveautés. Kunstschule und Spitzenindustrie, eine Arbeit vor, die in ihrer hohen Qualität, dem Bildmaterial und der Fülle an fundierten Informationen eine wichtige Ergänzung zu den vorliegenden Schriften zur Plauener Kunstschule darstellt. Alle Freunde der Kunstschule und der Plauener Spitzenindustrie können auf dieses Kompendium nicht verzichten.