Freiheit und Demokratie sind Grundpfeiler

Zum gemeinsam von den Städten Plauen und Hof sowie dem Freistaat Sachsen ausgerichteten Festakt zum 30. Jahrestag des Mauerfalles, gab sich am Samstag in Plauen die politische Prominenz die Klinke in die Hand. Innenminister Horst Seehofer, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Oberbürgermeister beider Städte und Zeitzeugen waren in unterhaltsamen zwei Stunden zu erleben.

Von Ingo Eckardt

Plauen Das Sinfonisches Blasorchester Hof, bestehend aus Ensemblemitgliedern der Hofer Sinfoniker und Jugendlichen des Schiller-Gymnasiums eröffneten die Veranstaltung mit einem echten "Ost-West-Klassiker", nämlich "Über sieben Brücken". Das Lied spielten einst die Gruppe Karat im Osten (1978), wie auch Peter Maffay im Westen (1980). Dass die jungen Hofer Musiker unter Leitung von Benjamin Sebald und gesanglich dargeboten von Luisa Ruckdeschel ausgerechnet eine Woche nach dem Tod des Schöpfers dieser unvergessenen Zeilen, Helmut Richter, dieses Lied als Auftakt spielten sollte wohl das allumspannende Sinnbild des Abends sein.
Spätzle-Essen auf
der schwäbischen Alb

Dann gab es viele Worte - Moderator Sven Böttger begrüßte die Oberbürgermeister der beiden Partnerstädte, Ralf Oberdorfer und Harald Fichtner auf der Theaterbühne des Plauener Musentempels. Oberdorfer erzählte, wie er eigentlich über Tschechien nach Süddeutschland zu seinen Verwandten fahren wollte - der "Eiserne Vorhang" war dort schon löchrig geworden. Dann kam die Grenzöffnung und am 10. November morgens um 7 Uhr habe er sich im Volkspolizei-Kreisamt den DDR-Pass abstempeln lassen. "Ja und mittags saß ich beim Spätzleessen auf der schwäbischen Alb", ist Oberdorfer noch immer erstaunt, wie unkompliziert das dann damals ablief. Ein Augenzwinkern hatte Oberdorfer auch parat - gerichtet an Innenminister Horst Seehofer meinte er: "Sie sind heute in Plauen und lenken das Licht der Republik hierher. Die große Party am Brandenburger Tor liegt da ein wenig im Schatten." Die Lacher hatte er damit in jedem Fall auf seiner Seite. Sein Amtskollege aus Hof, Harald Fichtner freute sich in seiner Begrüßung vor allem, dass es Hof und Plauen gelingt, die Ereignisse von 1989 in der "Heldenstadt Plauen" und der Stadt Hof freundschaftlich und miteinander zu feiern. "Wir waren das glücklichste Volk der Welt, haben Vorschriften beiseitegelegt und einfach nur geholfen, wo es notwendig war. Wie die Hofer damals den Ansturm der Bürger aus dem Osten bewältigt haben ist bis heute eine stolze Erinnerung unserer Stadtgesellschaft", sagte Fichtner. Man schöpfe bis heute Kraft daraus, aus einer Randlage in die zentrale Lage Europas geraten zu sein. "Das alles sollten wir nie vergessen, in Zeiten, in denen Maß und Mitte verloren zu gehen scheinen", mahnte das Hofer Stadtoberhaupt.
Auch Horst Seehofer kam natürlich zu Wort und betonte zu den Aussagen Oberdorfers, er habe diese Geschichte mit dem Schatten auf der Festveranstaltung am Brandenburger Tor so nicht bestellt. "Ich lass mir das nachher schriftlich geben, dass Sie das aus freien Stücken so gesagt haben", bestellte er sich einen Persilschein für die Kanzlerin. Dann wurde er ernsthafter und leitete über zum "Längsten Gespräch der Welt", das ein Vorschlag der Zeitzeugen-Kommission war. Man wolle diesen Dialog bis zum Jubiläum der Wiedervereinigung im Oktober 2020 durchhalten. "Wir wollen in diesem Format mit den Bürgern entlang der ehemaligen Grenze ins Gespräch kommen und wollen sie fragen, wie wir nun gemeinsam weitermachen wollen im Zusammenwachsen Deutschlands. Ich möchte mich tief verneigen für die Tapferkeit der Menschen in der ehemaligen DDR, die eine ungeheure gesellschaftliche Transformation bewältigt haben", erklärte Seehofer bevor man sich TV-technisch nach Hof schaltete.
Eintragungen ins
Goldene Buch der Stadt

Wenige Minuten blieb man auf Sendung und die Gäste wurden befragt, ein Wort zu finden, mit dem sie den 9. November 1989 mit einem Wort beschreiben würden: Von "Gänsehauterlebnis" (Seehofer), über "Freiheit" (Oberdorfer), "Glück" (Fichtner) und "Gottseidank" (Kretschmer) reichte die Spannbreite bis zu Günther Becksteins "Großes Wunder", was zwar zwei Worte waren, aber so pingelig mochte man an diesem Freudenabend nicht sein.
OB Ralf Oberdorfer bat die Gäste zur themenbezogenen Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Plauen, nicht ohne Selbstironie bemerkte er, er trage sich selbst mit ein - man wisse ja schließlich nicht, ob man dazu irgendwann noch einmal aufgefordert würde. Auch Horst Seehofer kommentierte sein Autogramm launig. "Da kommt dann meistens ein Brief in ein paar Wochen, mit der Erinnerung an die Pflichten, wenn man in so einem Buch steht. Da geht es dann meistens um einen Zuschuss zum Theater oder so...", machte Seehofer den Entertainer.
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer erinnerte die Besucher im Theater an die Bundestagsdebatte vom 9. November, die wegen der Öffnung der Mauer unterbrochen worden sei. Spontan habe man sich damals im Bonner Wasserwerk erhoben und gemeinsam über alle Fraktions- und Ideologiegrenzen hinweg die Nationalhymne gesungen. Diese bildete übrigens auch den Abschluss des Abends am Samstag in Plauen.
"Wir müssen drüber reden, wie es damals war, vor dreißig Jahren. Wir müssen es erzählen, den jungen Leuten und denen, die versuchen, die Geschichte umzudeuten. Es war eine grandiose solidarische Leistung der Deutschen in Ost und West - das dürfen wir nie vergessen", fand Kretschmer mahnende Worte und ein Plädoyer dafür, keine sozialistischen Experimente zu wagen, die soziale Marktwirtschaft, Freiheit und Rechtsstaat als Garanten der Zukunft zu sehen. "Wir danken heute all denen, die geholfen haben, beim Wiederaufbau der neuen Länder, wir haben allen Grund zur Freude und können mit Mut und Zuversicht in die Zukunft gehen", so der Ministerpräsident.
Oberbayern hat die Berge,
die Franken den Horizont

Die "Clara Schumann-Philharmoniker" des Theaters Plauen-Zwickau unter dem Dirigat von Leo Siberski intonierten passend zu diesen Worten das kraftvolle "Prelude" aus Wagners "Lohengrin", bevor Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein seine privaten Erinnerungen an die Zeit des Wendeherbstes erzählte: Zwei Wochen nach der ersten Demo sei er in Plauen bei Superintendent Küttler und bei der Demo am 21. Oktober dabei gewesen. Er habe damals als noch unbekannter Staatssekretär ein Grußwort gesprochen und die Zehntausende hätten gejubelt, als er Grüße aus Franken übermittelte. Er erinnerte daran, wie man schnell alle großen und kleinen Grenzstraßen zwischen Bayern, Sachsen und Thüringen geöffnet habe. Und er zeigte große Bewunderung für Helmut Kohls politischen Instinkt: "Ich hege große Bewunderung für Helmut Kohl, weil er mit seiner Zierlichkeit beherzt in den Türspalt zur Wiedervereinigung gesprungen ist", meinte Beckstein mit einem Augenzwinkern.
Damit verbuchte auch er seine Lacher, bevor er ernsthaft fortfuhr und die Überforderung vieler Menschen damals sinnierte. "Ich weiß, wie gering die Veränderungsbereitschaft oft ist, umso mehr bewundere ich die Menschen hier, die bereit waren, den Wandel zur Freiheit so mutig anzugehen. Wir in Franken sagen ja immer‚ die Oberbayern haben die Berge, wir den weiten Horizont‘", konnte er sich einen kleinen Seitenhieb auf seinen späteren Nachfolger Seehofer nicht verkneifen. Er wünsche sich, dass man kein Ost-West-Denken mehr hege, die Unterschiede der Regionen aber anerkenne und leben dürfe. Die Städtepartnerschaft Plauen-Hof sei ein Vorbild für die Zukunft in unserem Land.
Zeitzeugen stehen mit
Erinnerungen bereit

Mit einem Auszug aus Mahlers "Titan"-Sinfonie leiteten die Plauener Philharmoniker über zu einer grandiosen Lasershow, die die Ereignisse in Plauen zwischen dem 7. Mai, dem Tag der gefälschten Kommunalwahlen, und dem 7. Oktober, als 15.000 Plauener friedlich das System der DDR überrollten.
Danach standen die Zeitzeugen Jens Hase (Botschaftsflüchtling), Steffen Kollwitz (Bürgerrechtler, Kommunalwahlbeobachter von 1989), Detlev Braun (Filmer von Sequenzen der Demo vom 7.Oktober) und Hofs Alt-OB Dieter Döhla mit ihren Erinnerungen bereit. Sie erzählten, wie es sich damals angefühlt habe und welche Schlüsse man aus den Ereignissen für heute ziehen könne.
Das Credo formulierte das einstige Hofer Stadtoberhaupt: "Freiheit und Demokratie sind die beiden Pfeiler, auf die wir unsere Gesellschaft stellen müssen. Das müssen wir auch täglich verteidigen, gegen die, die geschichtsvergessen versuchen, unsere Gesellschaft zu spalten." Nach zwei Stunden lebendiger Geschichtsstunde mit unterhaltsamen Einflechtungen endete der Abend mit der erwähnten Nationalhymne - intoniert von den beiden Musikensembles aus Plauen und Hof sowie den Kehlen der mehr als 430 Besucher im Theater - und so manch einem versagte beim Singen die Stimme - im Nachdenken darüber, welch großen Glück Deutschland vor dreißig Jahren nach einem Jahrhundert voller Kriege, Diktatur und menschlichem Ungemach widerfahren ist.