"Frau Gabi" kümmert sich

Mit Menschen wie vieler Nationen sie zusammengearbeitet, sich um sie gekümmert, getröstet hat und ihnen wenn nötig auch mal "den Marsch geblasen" - so ganz genau weiß es Gabi Weiß auch nicht. Nun geht die gute Seele des Asylbewerberheimes an der Kasernenstraße in den Ruhestand.

Von Torsten Piontkowski

Plauen Gabi Weiß wohnt idyllisch im Plauener Ortsteil Stöckigt. Nur die nahe Autobahn höre man deutlich, was der Städter aber als Jammern auf hohem Niveau empfindet. Die meiste Zeit ihres Arbeitslebens hat sie in einer Einrichtung verbracht, die wohl die wenigsten als idyllisch bezeichnen würden: das Asylbewerberheim an der Kasernenstraße, wo zu Hoch-Zeiten Menschen aus 22 Nationen untergebracht waren - zeitgleich.
"Die Arbeit, die ich
immer machen wollte"

"Es war die Arbeit, die ich immer machen wollte", sagt Gabi Weiß, die eigentlich "aus der Wirtschaft" kommt und ein entsprechendes Studium vorzuweisen hat. Doch das Regierungsabkommen der DDR, in dem die zeitweise Arbeit junger Vietnamesen geregelt wurde, tangierte auch die Plauener Spitze. Also betreute die damals 30-Jährige ab 1987 fortan bis zu 120 junge Männer und Frauen aus dem fernen Bruderland.
"Der Betrieb war fair", sagt Gabi Weiß ohne einer Spur von Zynismus. "Bis November 1991 wurden zu gleichen Teilen deutsche und vietnamesische Kollegen entlassen. Nach dem letzten Vietnamesen war ich dran." Im März des Folgejahres beginnt sie als ABM bei der Ausländerbeauftragten der Stadt Plauen. "Danach", so die gebürtige Plauenerin, "ging alles Schlag auf Schlag".
Nach einem Jahr im Asylbewerberheim an der Seestraße baute sie ab 1. März 1993 die Unterkunft an der Kasernenstraße auf. Sieben Asylbewerberheime gab es damals im Landkreis, nur das Plauener hatte eine festangestellte Sozialarbeiterin - Gabi Weiß, die Mitte der 90er Jahre ein derartiges Studium noch draufgesattelt hatte, von dem sie noch heute überzeugt ist: "Das war meins."
Zig mal wurde sie gefragt, ob sie nicht die Heimleitung übernehmen wolle, denn auch das kein Geheimnis: Die Heimleiter gaben sich quasi die Klinke in die Hand. "Aber ich wollte für die Menschen da sein, nicht für die Technik und die Bürokratie", sagt Gabi Weiß rückblickend. Also befand sie sich gewissermaßen im Epizentrum des Schmelztiegels der Nationen.
"Kritik, die
keiner hören wollte"

Und immer wieder bildeten die Bedingungen im Heim das politische Große ab. Der Irak-Krieg 2003, die Flüchtlingswelle 2015. Nein, sie habe sich bei etlichen ihrer Parteifreunde nicht gerade beliebt gemacht als sie damals kritisierte, die Kanzlerin habe es versäumt, der Bevölkerung ihr Vorgehen zu erklären, die Leute mitzunehmen. "Sonst geht‘s schief, hab ich gesagt" und lässt den Satz so stehen.
Kriminelle und rechtskräftig Verurteilte seien abzuschieben, sagt die Frau, die nicht mal der Böswilligste in eine bestimmte Ecke stellen würde. Sie weiß aber auch, was Langeweile und Perspektivlosigkeit mit den Menschen machen können. Stichwort Matratzenzündelei in der jüngeren Vergangenheit. "Natürlich heiße ich das nicht gut, aber es sind Menschen, die keinen Ausweg wissen, teilweise vor der Abschiebung stehen."
Mit vielen noch
heute in gutem Kontakt

Ja, es hat sich viel zum Besseren gewendet. Fast alle Familien sind in Wohnungen untergebracht, "in der Kaserne" leben vor allem noch Alleinstehende. "Neulich sagte mal jemand zu mir, dass sind die, die keiner mehr will, das hat mir wehgetan." In den 90er Jahren, erinnert sie sich, lebte über viele Jahre eine Familie aus dem Kosovo mit sechs Kindern hier. "Mittlerweile ist aus allen Kindern was geworden, der Vater lebt wieder im Kosovo, mit der Mutter habe ich noch heute Kontakt."
Apropos Kontakt. Mit "ihren" Vietnamesen aus der Plauener Spitze hat sie den noch heute. 2017 feierten alle gemeinsam, viele bedankten sich für die damalige Betreuung. "Darauf war ich nicht nur stolz, sie waren quasi der lebende Beweis, dass sehr viele integrierbar sind und dem Staat was zurückgeben."
Sie kennt auch andere Beispiele, natürlich. "Ich wurde nicht nur ein Mal angeschrien oder beleidigt. Aber für die Mehrheit war ich ‚Frau Gabi", wenn was geklärt werden sollte. Und so werde ich heute noch auf der Straße angesprochen." Und noch mal die Zeit der Flüchtlingswelle: "Ich bekam Anrufe von gut situierten Familienvätern, die sich eine Flüchtlingsfamilie wünschten, möglichst anständig, mit zwei Kindern. - so sucht man sich einen Hund im Tierheim aus."
2016 schlug es auch die scheinbar grenzenlos Belastbare auf die Bretter. Vier Monate krank. Danach arbeitet sie im ebenfalls zum Asylbewerberheim umfunktionierten "Kronprinz" an der Pausaer Straße. Die letzten Jahre vor dem Vorruhestand befand sich ihr Arbeitsplatz im Sozialarbeiterbüro in der Engelsstraße. "Auf einmal waren wir sechs Kollegen, jahrelang war ich ‚Alleinunterhalter"". Und auch diesen Satz lässt sie im Raum stehen.
"Nicht alle Probleme
mit nach Hause nehmen

Abstand zur Zeit an der Kasernenstraße habe sie damals gesucht und letztlich festgestellt "das war mein Zuhause." Ach ja, das eigentliche Zuhause. Mit der Zeit habe sie gelernt, nicht alle Probleme mit dahin zu nehmen. "Sonst wär‘ ich gestorben." Aber natürlich klappte das nicht immer. "Dann hat mir die ruhige Art meines Mannes geholfen." Und der wiederum genießt ebenfalls seit Kurzem den Ruhestand.
Wer oder was ihr in besonderer Erinnerung blieb? Kassem Taher Saleh, der im Herbst für die Grünen in den Bundestag einziehen will. "Kassim kam 2003 als Zehnjähriger mit seiner Familie aus dem Irak, ich habe oft mit ihm Hausaufgaben gemacht", lacht Gabi Weiß. "Ich hab damals schon gedacht, aus dem wird mal was. Überhaupt sei aus vielen "was geworden", wenn es auch etliche in den "Westen" zog. Aus familiären Gründen, der Arbeit wegen. Ob es auch das Gefühl sei, in Plauen weniger willkommen zu sein? Gabi Weiß glaubt das weniger. "Viele haben mir gesagt, sie fänden Plauen sogar angenehmer als die großen Städte Hamburg oder Berlin."
"Die Länder meiner
Klienten bereisen"

Und nun? "Jetzt tun wir, was wir schon immer gern getan haben - wenn es wieder möglich ist. Wir bereisen die Herkunftsländer meiner Klienten. Mein Lieblingskontinent ist Afrika, zur Silberhochzeit waren wir in Namibia. In Plauen zieht es mich wieder ins Malzhaus, meine zweite Heimat - wenn endlich wieder geöffnet ist. Ihre Klienten. Was ist von denen in ihr hängengeblieben? "Eine gewisse Unerschrockenheit, die Grundeinstellung der Welt gegenüber. Dass sie lebenswert ist, trotz all der noch großen Unterschiede.